Timoschenko und der EM-Boykott – Politisches

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9. Mai 2012 von Evanesca Feuerblut

Deutschland – ein Frühjahrsmärchen
Aktuell tobt durch die deutschen Mainstreammedien lauthals der Schrei „rettet Yulia Timoschenko, die zu Unrecht in der Ukraine einsitzt. Nieder mit dem dortigen Präsidenten, nieder mit der EM!“ Oder, vereinfacht gesagt „Gebt die Yulia frei!“
Aber warum Freiheit für diese verbrecherische Frau? Ich verstehe es einfach nicht!
Seitens Deutschlands und Europas wird angemerkt, ihre Haftbedingungen seien inakzeptabel. Aus europäischer Sicht sind sie das auch – aber sie erhält die Versorgung, die ihr als Häftling zusteht – jedoch sie will die Versorgung, die ihr als „Promi“ zustünde. In ihrem Haus, das man eher Schlösschen nennen sollte, jedoch offiziell ihren Verwandten gehört, lebt es sich nun mal komfortabler als hinter schwedischen Gardinen. Niemanden wundert das allen Ernstes. Oder etwa doch?
Ich schaue russisches/ukrainisches Fernsehen, kenne die gute Frau und den Schaden den sie angerichtet hat. Hat ja nicht erst gestern angefangen – ich ging noch zur Schule, als die „Orangen“ an die Macht kamen und fand, das sage ich ehrlich, die Sache anfangs großartig. Endlich Demokratie in der von der Anarchie der 90er geplagten Ukraine! Doch dann begann ich zu hinterfragen und mein Blickwinkel drehte sich um 180°.
Julia hat das Land ruiniert – wenn sie jetzt selbst die Früchte davon trägt… Pech gehabt. Ironie des Schicksals, dumm gelaufen und selber schuld. Hätte sie das Land nicht in den Beinahe-Bankrott treiben sollen, das sich eben aus den Trümmern der nachsozialistischen Gesetzlosigkeit erhob.
Das klingt fies – ich weiß. Und auch nicht gerade sehr humanistisch, aber das ist nun mal das, was ich fühle wenn ich lese, wie die gegenwärtig amtierenden Politiker, einige Sporttrainer und so gut wie alle deutschen Zeitungen versuchen, aus einer Verbrecherin eine Märtyrerin zu machen. Ist es nicht verständlich, dass die Wut hochkocht?
Immer wieder wird behauptet, Yulia wäre geschlagen und gefoltert worden, als Beweis werden blaue Flecken aufgeführt, die die Frau theatralisch herzeigt.
Wer unabhängige russische Medien liest, weiß jedoch, was die wahre Geschichte hinter diesen angeblichen Verletzungen ist.
Erst vor wenigen Tagen war im Google+-Stream von Ria.News zu lesen, dass ihre blauen Flecken bewiesenermaßen durch das Drücken gegen stumpfe Gegenstände entstanden sind.
Die Frau verletzt sich selbst und macht hinterher ein großes Drama daraus – darin ist sie seit jeh talentiert.
An dieser Stelle werden oftmals Schreie laut, warum russische und ukrainische Medien hier objektiver oder besser im Bilde sein würden als die angeblich weitaus freieren europäischen Medien.
Die Lösung ist so einfach, so offensichtlich, dass sie meist übersehen wird: Sie sind näher am Geschehen dran als die europäischen. Ich bin gebürtige Ukrainerin und habe Kontakt nach „drüben“, sodass ich jederzeit einfach fragen kann, wellche Medien näher an der Wahrheit sind.
Und nach allem was die Leute dort sagen, sind es eindeutig die Russen. Denn die haben die Ukraine gleich um die Ecke, sowohl räumlich als auch kulturell. Europa dagegen ist weit, weit weg und kann sich allein darum nur begrenzt in die oft nicht mal für Einheimische völlig klaren Geflechte von Hierarchien, Korruption und einer völlig anderen Mentalität hineinversetzen. Dafür ist die Entfernung räumlich wie emotional zu groß.
Schon die Berichterstattung über die Orange Revolution und ihre Folgen war in Deutschland völlig am Thema vorbei, wurde glorifiziert bis zum Geht-Nicht-Mehr, während diese Revolution es war, die die blühende Ukraine unter dem Finanzminister Janukowitsch in etwas verwandelt hat, das nah an der Grenze zum Entwicklungsland entlangkrebst. Timoschenko sei dank.
Die Verträge, die sie geschlossen hat, haben den Staat an den Rand des Ruins getrieben und die Preise sind so in die Höhen geschossen, dass sich die nicht mal so unbegüterte beste Freundin meiner Großmutter die winterlichen Heizkosten kaum leisten konnte…
In der hitzigen Diskussion über dieses Thema wurde vorgebracht, Timoschenko dürfe in Deutschland behandelt werden, weil auch Kinder aus Kriegsgebieten zur Behandlung nach Deutschland geflogen werden.
Nun – zwei Sachen dazu: Kinder in Kriegsgebieten gehen mir eindeutig vor „Promis“, die ihrem Staat nur geschadet haben. Das wäre erstens. Zweitens ist die Ukraine derzeit alles Mögliche – aber sicher kein Kriegsgebiet… Einen solchen Vergleich finde ich entwürdigend und einfach nur sehr unsensibel den Kindern aus den Kriegsgebieten gegenüber!
Dass sie im Gefängnis von deutschen Ärzten behandelt wird, empfinde ich bereits als Affront – das hat die Verbrecherin nicht verdient!
Ebenfalls bedenklich ist es, dass einige deutsche Politiker sich anmaßen, einfach in die Justiz eines anderen, selbstständigen Landes einzugreifen und die Freilassung einer Verbrecherin zu fordern, die schon vor ihrer politischen Laufbahn Dreck am Stecken hatte und vom Interpol gesucht wurde. Leider bietet der deutsche Wikipedia-Eintrag zu diesem Thema nur sehr wenig Zündstoff – wurde hier mit Absicht beschönigt und geglättet, damit Timoschenko im deutschen Web ein gutes Image weghat?
Und was „faire“ Behandlung angeht, so wird die Frau einfach nicht besser behandelt als die ganz normalen ukrainischen Kranken in diesem Land und bekommt keine Extrawurst gebraten. Somit ist alles fair – ihre medizinische Versorgung ist genauso mies wie die eines durchschnittlichen Bürgers. Hab vor einiger Zeit darüber gebloggt:
Das tolle ukrainische Gesundheitssystem
Wie bereits erwähnt, beziehe ich meine Infos nicht nur aus den (nicht immer staatlichen) Medien sondern auch aus Gesprächen mit dort lebenden Menschen. Wenn die es nicht wissen – wer dann? Aber ja doch – die deutschen Politiker ;-).
Mein Statement zur Lage in der Ukraine allgemein
Wenn ich kontra Timoschenko argumentiere und behaupte, sie würde nur ernten, was sie selbst gesäht hat, dann argumentiere ich mit meinem Wissen über die Lage in der Ukraine, ohne die anderen Poster anzugreifen, selbst wenn mir bei einigen Aussagen der Hut hochgeht, das gebe ich zu.
Selbstverständlich würde diese Art des Prozesses jeden ins Gefängnis bringen – der Kern der Sache ist für mich persönlich jedoch, dass in diesem Fall mal die Richtige im Gefängnis landet und sofort Fanalschreie durch Deutschland gehen – das regt mich auf! Dass Janukowitsch keine blütenweise Weste hat, ist mir klar – die hat kein ukrainischer Politiker. Und wenn wir ehrlich sind, ist Europa da auch nicht viel besser….
Aber wenn ich zwischen ihm und der vorigen Regierung wählen müsste, erscheint er mir definitiv als das kleinere Übel.
Meine Medienkritik vor dem Hintergrund meiner politischen Position
Ich weiß, dass die deutschen Piraten eher westlich orientiert sind als östlich. Weil ich es als selbstverständlich ansehe, dass sich in politischer Hinsicht jeder selbst der Nächste ist – wenn ich von einer Partei fordern würde, dass sie sich um die Medien anderer Länder kümmert, damit sie für mich wählbar ist, dann wäre ich mehr als naiv unterwegs.
Ich erwarte jedoch von allen, die vorgeben, sooo viel Ahnung über die Ukraine und die Umstände dort zu haben, sich eben nicht nur aus dem Artikel der SPON zu informieren, sondern vielleicht wenigstens per Google-Übersetzer mal in die Berichterstattung der Ukraine/Russlands zum Thema geworfen zu haben statt blind zu glauben, was EINE Zeitung und EINE Partei sagt.
Denn was mir die Piraten unter anderem sympathisch macht ist deren Aussage, jeder hätte das Recht darauf, sich vielseitig und unabhängig zu informieren ;-), statt einfach mal schnell medienhörig zu sein und bedingungslos zu schlucken, was die Zeitungen so sagen.
Ich rege mich auf russischen Nachrichtenportalen by the way genauso auf, wenn dort Blödsinn über Deutschland gepostet wird – was oft genug vorkommt, wenn Deutschland mal erwähnt wird, da man schlicht physisch wie geistig zu weit weg ist um den richtigen Blickwinkel auf einige Dinge haben zu können.
Welches Medienhaus ohne Sünde (der Teilinformiertheit) ist, das werfe den ersten Stein…
Wer im Übrigen den Eindruck bekommen hat, ich hätte was gegen die Menschenrechte weil ich die harte Behandlung von Timoschenko befürworte, für den möchte ich klarstellen, dass dem nicht so ist.
Ich bin lediglich absolut gegen die Sonderbehandlung der konkreten Politikerin und finde es völlig richtig, dass sie genauso – und das bedeutet in der Ukraine nun mal genauso schlecht – behandelt wird, wie andere kranke Häftlinge auch. Dass ihr keine Extrawurst gebraten wird, nur weil sie mal Politikerin war.
Dass das Gesundheitssystem der Ukraine marode und korrupt bis aufs Blut ist, das weiß ich und finde es an sich nicht in Ordnung. Dazu habe ich bereits auf meinen Blog verwiesen.
Meine Position zu den Ereignissen in der Ukraine allgemein
Es ist nicht okay, dass Schauprozesse gemacht werden im Allgemeinen. Im Speziellen habe ich aber schon seit den Neuwahlen gehofft, dass der Frau der Prozess gemacht wird und als ich davon hörte, dass es losgeht, reagierte ich mit einem „na endlich, wurde ja Zeit“. So wusste ich zum Beispiel aus Quellen im Bekanntenkreis, dass Yulia teilweise Wähler und auch Demonstranten bestochen hat, damit die für sie stimmen bzw. für sie auf die Straßen gehen. Dass die Liste ihrer Vergehen also lang sein dürfte, wenn man ihr alles nachweisen kann, wusste ich. Ich wusste auch, dass die ukrainische Ölkrise künstlich herbeigerufen wurde, indem die Ukraine Russland die Zahlungen verweigerte – worauf Russland verständlicherweise nicht mehr geliefert hat. Dieser Vorgang wurde seitens der damaligen Politiker gezielt ausgenutzt, um Russland in Europa zu diskreditieren. Ich mache da den europäischen Journalisten nicht mal einen Vorwurf – sie haben das berichtet, wonach es für sie aussah.
Hier sieht es für mich so aus, als würde Yulia den Prozess als Plattform benutzen, um sich selbst weitaus stärker als Opfer zu stilisieren, als sie tatsächlich ist.
Klar plaudern auch in der Ukraine viele Menschen nach, was die Medien sagen. Gerade darum ist es so wichtig, die Berichterstattung zu vergleichen und Leute indirekt zu fragen, wie die Lebensumstände sind – nicht die politischen Meinungen, die nach wie vor stark von Propaganda geprägt sind.
Die Meinungen sind z.B. auch innerhalb der Ukraine stark gespalten – so werden die Ukrainer in Odessa und in der Krim sich stärker an Russland orientieren, die Ukrainer im Westen der Ukraine hingegen stärker an Europa. Das rührt teilweise daher, dass diese Teile ursprünglich jeweils zu Russland bzw. zu Polen gehört haben, wodurch es auch starke Kulturunterschiede innerhalb des Landes gibt. Das hat man sehr stark bei den Wahlen während der Zeit der Revolution gemerkt, als immer wieder Grafiken mit orange und blau gefärbten Gegenden gezeigt wurden.
Das was in Russland derzeit passiert, passt auf keine Kuhhaut mehr – seit ich mein Vertrauen in die russische Politik völlig eingebüst habe, bröckelt auch mein Vertrauen daran, dass Janukowitsch der Ukraine wieder zu dem Wohlstand verhilft, den das Land innehatte, als er Finanzminister war.
Normalerweise halte ich sehr viel von Amnesty International – nur frage ich mich in diesem Falle, ob deren Vertreter nicht von der zweifellos charismatischen Ausstrahlung Yulias beeindrucken ließen. In ihrer Zeit als Politikerin flimmerte sie bei mir regelmäßig über den Bildschirm und ihr Image war immer perfekt – die Frau aus dem Volk mit dem blonden Zopf, dem akuraten Anzug und der starken Rhetorik. Ohne mich einfangen zu lassen, kann ich verstehen, warum es so leicht ist, ihr wider besseres Wissen zu glauben.
Das Problem am ukrainischen Parlament ist, dass es schon längst beschlussunfähig geworden ist – wann immer eine Sitzung der RADA übertragen wurde, endete sie damit, dass die Abgeordneten sich prügelten (wobei ich nicht ausschließe, dass diese Bilder bewusst um die Welt gingen um ebendas zu behaupten – aber es waren bemerkenswert viele) und die Rada allgemein von den Russen als „Prügelparlament“ verschrien wurde.
In diesem Zusammenhang ist es nur zu leicht, auf die authoritäre Schiene zu setzen und zu behaupten, nur so hätte man die Abgeordneten im Griff.
Es ist alles sehr, sehr zweischneidig.
Fazit
Völlig willkürlich wurde sie nicht festgesetzt, Gründe gab es mehr als genug. Das alles mussunter den Tisch gekehrt werden um sie zur unschuldigen Symbolfigur der Unterdrückten zu machen :(.
Wie gesagt – ich bin vom Präsidenten nicht begeistert, aber Timoschenko ist nicht nur Opfer. Denkt darüber nach. Danke.
V.Lady
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