Warum das Genre für den Leser so wichtig ist

Vor einiger Zeit entspann sich in einer Facebookgruppe die spannende Diskussion, welchem Genre Jules Verne nun zugehörig ist – Science Fiction oder Fantasy? Wie immer bei Diskussionen, bei denen man ein Buch einem Genre zuordnen möchte, kommen dann früher oder später Mitdiskutanten auf die Idee zu sagen, das Genre wäre doch völlig egal, hauptsache es ist ein tolles Buch und man hat Spaß beim Lesen.

Jein.

Natürlich ändert es nichts am Buch, in welche Schublade man es steckt. Da bin ich ganz bei den Gegnern jeglicher Genrebezeichnungen. Vor allem wenn man bedenkt, dass heutzutage bei den ganzen Unteruntergenres sowieso keiner durchblickt – Dark Fantasy, Young Fantasy, Romantasy, High Fantasy, Low Fantasy, Sword and Scorcery, Science-Fiction, Dystopie, Steam-Punk, Urban Fantasy… die Grenzen sind bisweilen fließend oder nur für Spitzfindige überhaupt vorhanden. Und manche Genrebezeichnungen sind herrlich nichtssagend in Bezug auf „Was für Bücher fallen drunter“?

Dennoch ist es wichtig, ein Buch spätestens beim Exposé samt Verlagsbewerbung (oder für Selfpublisher beim Upload des Buchs auf KDP etc.) einem Genre zuzuordnen.

Außerdem ist „Hauptsache, das Buch ist toll“ einfach nur eins dieser doofen Totschlagargumente, mit denen man keinem Menschen wirklich bei einem praktischen Problem weiterhilft. Aber wer es äußert, steht dann scheinbar moralisch überlegen da – da über den ganzen Genrestreit erhaben – und sonnt sich im Gefühl, ein scheinbar besserer Mensch und Leser zu sein. Die Einstellung mag ich schon mal gar nicht, wenn ich ehrlich bin.

Nicht die Autoren brauchen das Genre – sondern die Leser

Um beim Beispiel zu bleiben: Wichtig ist das Genre vor allem für Leser, die Jules Verne nicht kennen und die tendentiell lieber das Eine oder das Andere lesen.
Wenn jemand, der ausschließlich auf High Fantasy mit klassischen tolkien’schen Geschöpfen steht ein Jules-Verne-Buch in die Hand nimmt und erwartet, dort Elben vorzufinden, wird derjenige sich gar nicht auf das Buch einstimmen, sondern sofort enttäuscht das Buch weglegen.
Weil man als Leser Erwartungen hat und diese getäuscht werden.
Weiß man dagegen, dass es Science Fiction ist und lässt sich als Nicht-SF-Leser freiwillig und bewusst darauf ein, ist das was anderes. Man weiß ja, was einen ungefähr erwarten sollte und ist nicht völlig überrumpelt, völlig andere Dinge vorzufinden. Und wenn man zusätzlich zur Genrebezeichnung noch den Klappentext und die Lebensdaten des Autors gelesen hat, ist man eigentlich bestens für das gewappnet, was in „20 000 Meilen unter dem Meer“ oder „Reise zum Mittelpunkt der Erde“ auf einen zukommen wird.

Das Problem ist die Erwartungshaltung

Genres sind nicht unwichtig, zumindest zur groben Einteilung, weil Leser immer mit einer Erwartung an ein Buch herangehen.
Wenn ein Buch – egal wie gut es ist – die Erwartung eines (zufälligen) Lesers nicht erfüllt (z.B. weil dem Leser suggeriert wird, das Buch wäre einem anderen Genre zugehörig oder ähnlich wie ein Buch, das dem Leser gefallen hat – und dann ist es völlig anders), ruft das ein Gefühl der Irritation hervor.
Im schlimmsten Fall legt der Leser das Buch zur Seite. Mit viel Glück wird er es vielleicht 5 Jahre später aus Neugier und ohne Erwartung noch mal aufschlagen – und es toll finden. Sich völlig wundern, wieso er es vor fünf Jahren nicht gemocht hat und keine Erklärung finden.
Aber für den Moment hat man den Leser für das Buch erstmal verloren und das finde ich jedes Mal schade.

Wenn ich – als jemand, der Romantasy nicht mag – ein Buch bekomme, auf dem steht „es ist wie Harry Potter“, dann erwarte ich vom Buch zumindest ansatzweise, dass es magisch ist, dass Abenteuer wichtiger sind als Beziehungen und am Ende eine lebensbejahende Message präsentiert wird – falls man die Handlung aus sieben Büchern so verallgemeinern kann.
Wenn ich dann feststelle, dass es sich in Wahrheit um eine Teenie-Romantasy-Geschichte um ein magisches Internat handelt, bei dem aber das Liebesdreieck der Protagonistin und zweier ach so geheimnisvoller Typen im Vordergrund steht, bin ich enttäuscht.
Hätte ich dagegen gedacht „Das ist Romantasy. Eigentlich mag ich Romantasy nicht, aber die Story klingt cool, also lasse ich mich mal darauf ein und ertrage irgendwie das unvermeidliche Geschwärme. Ich schaff das schon irgendwie“, dann hätte ich mit meiner niedrigen Erwartung das gleiche Buch möglicherweise klasse gefunden.

Und wenn ich partout nicht weiß, was mein Buch ist?

Zum Einen können die Betaleser helfen – vielleicht haben sie vergleichbare Bücher gelesen, die man selbst gar nicht kennt und mit deren Hilfe sie das Buch einordnen können (und ja, es ist gar nicht so selten, dass man als Autor ein Buch schreibt und meint, ein neues Genre erfunden zu haben – und dann feststellt, dass es davon schon 500 Bücher gibt, die aber kein Mensch kennt… Oder, noch schlimmer: Jeder kennt die. Nur man selbst hat natürlich noch nie davon gehört.).
Zum Anderen kann man sich auch bei anderen Autoren, in Schreibforen oder in Autorengruppen z.B. auf Facebook informieren.
Last but not least kann man sich durchaus trauen, bei seinem Wunschverlag anzurufen oder eine Mail hinzuschreiben und einfach zu fragen, ob eine Geschichte in der es grob um X geht, ins Verlagsprogramm passen würde.
Verleger sind freundliche Leute und beißen nicht.

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19 Gedanken zu “Warum das Genre für den Leser so wichtig ist

  1. Hi,

    ich überlege, ob man die „Genre-Frage“ auf Blog-Leser ganz allgemein beziehen kann…
    Also ob es wichtig ist, welcher Kategorie ein Blogpost zugeordnet ist – hat das Einfluss auf das Sharing, die Klickraten usw. Wie sind deine Erfahrungen hiermit?

    VG
    Stefan

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    1. Hallo!

      Gute Frage… Der einzige Blog, der kein Nischenblog ist von allen, auf denen ich mitmische, ist der erst soooo kurz auf den Markt geworfene Buchblog, dass ich da noch keine großen Statistiken habe. Und auch nicht beurteilen kann, ob der statistisch recht gute Start sich aus dem Bloggenre (Bücherblogs sind recht beliebt), der Erfahrung (fruehstuecksflocke und ich sind beide Blogveteranen und haben schon ein Projekt aufgebaut, sind in der Bloggerszene keine Neulinge etc.) oder anderen Faktoren ergibt.
      Die Weltenschmiede besetzt ein Nischenthema – hier weiß ich aber, dass Fallstudien tendentiell bei Nichtautoren besser ankommen als Weltenbauartikel. Ansonsten auch hier: Wir sind eigentlich erst seit einem Jahr so groß, dass da nennenswert was statistiktechnisch passiert.
      Und bei diesem Blog hier braucht man gar nicht erst davon zu reden, der hat ja immer noch keine richtige Ausrichtung…
      Von daher… Keine Ahnung, um ehrlich zu sein!

      LG,
      Evanesca

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  2. Die Genre-Frage ist tatsächlich mitunter etwas knifflig. Für mich ist alles Sci-Fi, was (aus Sicht des Autoren) in der Zukunft spielt und für eigentlich (noch) nicht existierende Personen, Dinge oder Situationen einen nicht-magischen, technologisch-wissenschaftlichen Erklärungsansatz hat. Aber wahrscheinlich geht das an sämtlichen vernünftigen Definitionen vorbei. 😀

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  3. Die meisten Bücher von Verne sind für mich SciFi, ausgenommen „5 Wochen im Ballon“, weil es eher ein Reise-Roman ist.

    Ich bezweifle, ob das Genre wirklich so wichtig ist. Ich achte immer auf die Story 😛 Und da scheitern viele Bücher 🙂

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    1. Kennst du „Kurier des Zaren“? Das ist sogar eher ein historischer Roman.

      Genre und Story können übrigens durchaus etwas miteinander zu tun haben – aus irgendeinem Grund gibt es Leute, für die Fantasy z.B. nur dann Fantasy ist, wenn es strikt den Storyetappen aus der Heldenreise folgt. Während ich von der Heldenreise inzwischen etwas genervt bin (sie wurde mir einfach zu sehr überstrapaziert ^^) und darum nach Fantasy abseits dieses Storymusters suche 🙂

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      1. Wieder was gelernt!

        Bei mir hat die Story viel mit den Charas zu tun – Klischees kann ich nich ab. das problem ist wiederum, dass der Schreibstil bzw. Erzählstil es rausreißen kann… Ja, alles hängt irgendwie miteinander zusammen…

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    1. Hihi, und ich würde sagen, es kommt auf das Buch drauf an, ich würde die von Jules Verne in unterschiedliche Genre ordnen 😀

      Aber wirklich ein interessanter Artikel, sehr gut zusammen gefasst!

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    2. Phantastik ist so ein wunderschönes, altmodisches Wort, das leider im Deutschen kaum noch jemand verwendet, eben weil es ein so riesiges Feld umfasst… ❤
      Recht hast du natürlich :).
      (Im Russischen gibt es übrigens nach wie vor kaum Genretrennung, da läuft das Ganze auch noch unter "Fantastika" 🙂 )

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      1. Ich verwende Phantastik für alle Geschichten, in denen magischen, paranormale, nicht erklärbare, außerirdische und/oder übernatürliche Elemente vorkommen. Ich bin gerne altmodisch.

        Ich finde Genres wichtig als grobe Einteilung, weil sie, wie du gesagt hast, bestimmte Erwartungen wecken und den Leser in eine Richtung leiten können. Wenn das Buch nicht dem Genre entspricht, in das es gesteckt wurde, bin ich enttäuscht, weil ich mir eben etwas anderes erwartete. Das ändert nichts daran, dass ich das Buch trotzdem gut finden kann, ich ärgere mich dann eher über die PR-Abteilung oder den Autor, der sein eigenes Genre nicht kennt 😉
        Ich mag es auch, wenn Genres gemixt werden. Diese Erwartungshaltung kann sich leider zum Nachteil des Buches auswirken, gerade bei Genre-Mixes, wie ich bei den „Emperor’s Edge“ Büchern von Buroker feststellte. Sobald Steampunk in der Beschreibung auftaucht, werden Bilder heraufbeschworen, die man nun mal damit verbindet, und wenn es dann in eine neue Richtung geht, sind etliche Leser enttäuscht, weil es nichts mit dem viktorianischen London zu tun hat.

        Was ich an Verne so mag, ist, dass er in so vielen verschiedenen Genres geschrieben hat und sich nicht auf eines festlegte, auch wenn er für seine phantastischen Werke am bekanntesten ist.
        Das trauen sich heute viel zu wenige Autoren. Manchen glaube ich ja, dass sie einfach am liebsten Thriller oder was weiß ich schreiben, bei anderen weiß ich, dass sie gerne was anderes ausprobieren möchten, aber Angst haben, die Leser folgen nicht, und sie bleiben auf den Büchern sitzen. Da kann großer Erfolg in einem Genre zum Fluch werden.

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        1. >>Wenn das Buch nicht dem Genre entspricht, in das es gesteckt wurde, bin ich enttäuscht, weil ich mir eben etwas anderes erwartete.<<
          Jep, genau das meinte ich unter anderem :). Meist geht das bei mir aber so weit, dass ich das Buch erst einige Wochen später wirklich genießen kann, wenn ich vergessen habe, was es angeblich ist.

          Gemischte Genres sind toll… aber ja, das kann auch im Zweifelsfall schiefgehen. Andererseits:
          – Romantasy entstand aus dem Mix von Liebesroman und Fantasy
          – Dark Fantasy teilweise aus Horror und Fantasy
          Es gibt viele Mixgenres, die mittlerweile gar nicht als Solche erkannt werden, weil sie recht häufig vorkommen und somit widerum quasi zum "Genreinventar" gehören.

          Das mit dem Genremix ist ein interessanter Punkt… Bei mir ist, dass es mir bei Geschichten mit mehr als 3000 Wörtern fast immer unmöglich ist, nicht irgendwie ins Fantastische abzudriften, ich kriege einen soliden Krimi im Moment einfach nicht hin ^^

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          1. >>Bei mir ist, dass es mir bei Geschichten mit mehr als 3000 Wörtern fast immer unmöglich ist, nicht irgendwie ins Fantastische abzudriften<<
            Das halte ich nicht für einen Nachteil, sondern für eine Stärke 🙂 Aber ich bin auch seit Jahrzehnten der Phantastik verfallen…

            Gefällt mir

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