Uni-Bibliotheken – oder die Suche nach dem Minotaurus I

Dieser Text erschien zum ersten Mal 2012 im L&L’s und kommt daher einigen Lesern vermutlich bekannt vor, wurde für den Blog jedoch überarbeitet. Ich hätte natürlich aktuelle, vorgeschriebene Postings, aber da mir immer wieder die kuriosesten Dinge in Unibibliotheken passieren, dachte ich: Machen wir eine Artikelserie daraus und fangen mit dem Erlebnis an, mit dem… nun, alles angefangen hat.

Ich frag mich wirklich, was sich Architekten, Bibliothekare und andere Mitmenschen dabei gedacht haben – Universitätsbibliotheken sollten doch diese (mehr oder weniger) lichtdurchfluteten, braungetäfelten Orte mit grünen Leselampen sein, die man aus den amerikanischen Filmen kennt. Die Wirklichkeit sieht allerdings an deutschen Unis – oder an meiner Uni – oft anders aus und so kann sich die Suche nach einem Medium als die sprichwörtliche Suche nach dem Minotaurus entpuppen…

Ich fang mal ab ovo an

Eine Hausarbeit stand an, für die ich dringend die Kritiken für ein bestimmtes Theaterstück benötigte (genauer gesagt für „Variety“ von Dougles Maxwell). Mein Dozent erzählte mir von einer wunderbaren Zeitschrift, die SÄMTLICHE Zeitungsreviews für ein Theaterstück sammelt und rausbringt. Perfekt für mich, nicht wahr?
Wo sie zu finden sein müssten, weiß er auch: In der Anglistik I, unter Z wie Zeitschriften.

Da stand ich vor zwei auch davor. Und fand vor: Theatre Record 2006 I, Theatre Record 2006 II und das Gleiche bis 2009 – aber keine Spur von 2002 (von 2010 und aktuelleren Ausgaben allerdings auch nicht).
Also erstmal zur Information in der Bereichsbibliothek Philosophicum, fragen, ob es vielleicht irgendwo vor sich hinschimmelt.
Die junge Frau hatte komischerweise keine einzige „Theatre Record“-Ausgabe im Katalog – auch die von mir gefundenen und mit eigenen Augen betrachteten nicht. Als ich sagte, ich brauche das von 2002, verwies sie mich an die ausgelagerten Zeitschriftenbestände in der Zentralbibliothek.
Okay. Damit kann ich leben. Das ist nur 200 m weiter. Oder?

In der Zentralbibliothek habe ich erstmal bis auf die Kopierkarte alles Hab und Gut eingeschlossen – sonst darf man nicht rein. Die Anweisungen der jungen Frau waren relativ klar – Lesesaal eins und dann die Treppe runter.
Aber sie hatten wenig mit der Realität gemeinsam.
Lesesaal eins fand ich mühelos – da musste ich nur durch einen Gang voller Informationstheken mit Beschriftungen wie „Bibliographische Hilfestellung“ und ähnlichen Betitelungen, die irgendwie nach Bibliotheksfachschinesisch klingen. Ich beschloss also, mich mit ihnen nicht aufzuhalten – wofür wer zuständig war, wusste ich sowieso nicht – und selbst nach dem Buch zu suchen.
Direkt hinter den Informationstheken standen Kopierer. Very nice – auf die komme ich noch zurück.

Ich stand nun im Lesesaal eins, der missverständlich mit „Zeitschriftenbestand Philosophicum“ gekennzeichnet war – und suchte dort nach irgendwas Hilfreichem. Da gab es nun Regalreihen voller Zeitschriften zu allen möglichen Dingen: Pädagogik, Jura, Osteuropäische Geschichte…

Linguistik der Indogermanischen Sprachen grenzte dann an die „Wörterbücher nach Sprachen“-Sparte – wo ich das größte Englisch-Wörterbuch meines Lebens gesehen habe – es ist 50 cm hoch und 30 cm breit. Ich frage mich, wer das  zuletzt in der Hand hatte, wann und ob man sich daran einen Bruch hebt…
Dort standen denn auch tatsächlich englische Periodiken – aber irgendwie waren die sehr in der Minderzahl (und gleich nebenan standen Periodiken zu Sanskrit herum), sodass ich bald das Gefühl hatte, am falschen Ort zu suchen.
Ich stand nämlich direkt neben einer… Nun ja, Treppe ist das nicht zu nenne, es ging genau drei Stufen abwärts.
Die bin ich runtergegangen und lief die Regalreihen ab. Jura, Theologie etc. „Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn“ – naja, studiert eher nicht, ich bin die Regalreihen abgelaufen – das Fazit bleibt aber das Gleiche:
„Da steh ich nun, ich armer Tor! Und bin so klug als wie zuvor;“ – nämlich immer noch völlig ratlos…
Auf der Suche nach Hilfe entdecke ich schließlich am Ende dieses „Lesesaals“ (der eher ein Regalsaal ist – der Lesesaal selbst befindet sich auf einer Plattform, die mitten im Raum über den Regalen schwebt und wo es PC-Arbeitsplätze gibt. Das kann man nicht beschreiben, man muss das gesehen haben) eine dunkle Türnische, die wie folgt beschriftet war:
„Zeitschriftenbestände Philosophicum —>
Toiletten —>“
Wunderprächtig. Dann war das Schild, das mir weismachen wollte, ich wäre bereits bei den Zeitschriftenbeständen nur ein… Hinweis darauf, dass ich weitergehen muss, um den nächsten (gut versteckten) Hinweis zu finden? Ich fühlte mich ein wenig wie bei einer Schnitzeljagd.

Ich ging also durch diese Tür und landete in einem engen, muffigen Treppenhaus, bei dem eine Treppe in die oberen Geschosse, eine in den Keller führte. Und direkt gegenüber noch eine Tür.
Die ist widerum beschriftet, ebenfalls mit
„Zeitschriftenbestände Philosophicum —>
Toiletten —>“
Also nahm ich, schicksalergeben, diese Tür mit dem Charme einer versifften Krankenhaustür und betrat… noch ein Treppenhaus, das genauso trostlos aussah.
Spätestens jetzt hatte ich den Eindruck, nicht an meiner Uni, sondern in einem postapokalyptischen Film gefangen zu sein. Haupthandlungsort ein von Zombies eingenommenes Krankenhaus, die zerfallende Krankenschwester mit Monsterspritze gleich um die Ecke.
Die Pfeile deutetn dieses Mal abwärts. Also nahm ich so ziemlich die versiffteste Treppe, die ich bis jetzt (gilt 2014 immer noch) an meiner Uni gesehen habe, abwärts. Kam in einen Flur. Toiletten rechts, unbeschrifteter Pfeil nach links, Zeitschriftenbestände geradeaus.
Ich nahm ergo den Flur geradeaus und bemidleidete vom Herzen die Dozentenbüros, an denen ich vorbeikam. Zwar ist der Flur mit Bildern vollgehängt, aber trostlos ist es dennoch. Und vor allem so ziemlich der letzte Bürostandort, an den sich ein zufällig quasselwilliger Kollege verirrt. Abgesehen davon, dass die Dozenten selbst, um dort hinzugelangen, sich regelmäßig diesem Labyrinth aussetzen müssen. Furchtbar.

Ich kam in einem Saal raus, der übermäßig warm temperiert und unbeschriftet war. Es standen riesenhafte Microfiche-Lesegeräte herum, die mit dem Hinweis versehen waren, dass sie nur mit Einverständnis von Bibliotheksmitarbeitern genutzt werden durften. Ziemlich archaisch anmutende Dinger, aber es haben tatsächlich ein paar Studentinnen (kein Gendering, kein vergessenes großes I, es waren wirklich nur zwei oder drei junge Damen anwesend) an ihnen gearbeitet.
Auch in diesem Raum war alles sehr krude beschriftet und es gab zig leere Regalreihen, die einfach so in der Gegend herumstanden. Ich fand mit Mühe die Anglistik (gleich neben der Byzantinistik, die einen komischen Kenncode hatte, irgendwas mit XyYZ) und machte mich daran, dort nach einem „Theatre Record“ zu suchen – aber keine A4-großen, dicken roten Bücher…
Verzweiflung ergriff mich – ich war durstig und machte schon seit halb ewig diese Odyssee in den verschlungen Labyrinthwegen der Zentralbibliothek mit, ohne Erfolg… und dann schaute ich auf.
Da war noch ein Durchgang. Beschriftet mit „Zeitschriftenbestand Philosophicum“. Schon wieder Schnitzeljagtgefühl. Und das leichte Gefühl, veralbert zu werden. Oder ist das Archiv in 10 Teile geteilt und von jedem Fachbereich steht überall ein bisschen?

Ein Hinweis, ein Hinweis!

Ich folge diesem neuen Hinweis jedenfalls in ein untertemperiertes, düsteres Kellergewölbe mit Keramikboden. Da fand ich eine Stellage mit uralten Zeitungen, die bereits bröckelten und… oh Wunder… ausgelagerte Anglistik-Bestände.
Aber auch da fand ich die „Theatre Records“ nicht sofort – wobei… die fand ich schon, aber nur die von 2004-2005. Und nicht die von 2003. Langsam bekam ich Panik. Was, wenn meine Odyssee umsonst war? Wo bekam ich das Buch noch vor Weihnachten?

Ich bekam in einem schwer auffindbaren Keller eine mittelschwere Panikattacke oder stand kurz davor.

Und dann drehte ich mich langsam um. Schaute zu meinen Füßen. Und entdeckte SIEEEE… sämtliche „Theatre Records“-Zeitschriftenbücher von 1994 bis… 2003! Sie waren vorhanden, nur in einem anderen Regal!
Ich setzte mich auf den Boden und zog die zwei mich betreffenden Folianten raus. Der Index ist extrem krude und ich musste mir jede einzelne Ausgabe anschauen, bis ich hatte, was ich wollte, aber… ich hatte sie! Die Reviews für „Variety“ vom „Edinburgher Fringe Festival“ 2002!

Happy End

Nun schnell die Beute geschnappt und den ganzen weiten Weg zurück zum Kopierer… also wieder über mehrere Treppen und Flure, bis ich endlich Licht sah und Luft!

Das Kopieren selbst und das Hinterlassen des Buches auf der dafür vorgesehenen Ablage (man soll als Student die Bücher nicht selbst wieder einräumen, da dadurch viel verstellt wird) war dann problemlos.

Und so hatte ich – nach zwei Stunden wohlgemerkt – endlich meine vier Seiten in A3 kopiert und konnte nach Hause…

Wie sind eure Erfahrungen mit Universitätsbibliotheken? Was ist das Schrägste, was euch in einer solchen passiert ist? Oder könnt ihr verrückte Geschichten über normale Büchereien erzählen?

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4 Gedanken zu “Uni-Bibliotheken – oder die Suche nach dem Minotaurus I

  1. Oje, da musstest du ja was mitmachen…

    Die Bibliothek in meiner FH war/ist zu klein, um sich darin zu verlaufen und ich war auch gar nicht soo oft da drin um überhaupt etwas auszuleihen oder nachzuschauen. Das was man brauchte war dann meist doch nicht da.

    Für meine erste Hausarbeit hab ich noch voll motiviert einen Abstecher in die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg gemacht und war äußerst irritiert als ich meinen Laptop und meine Unterlagen in einer durchsichtigen Plastiktüte reintragen musste…
    Beim Suchen bin ich u.a. durch ein paar Bereiche gekommen, die schon etwas ältere Bücher in der Auslage, aber irgendwie noch mal einen besonderen Charme hatten…wenn ich mich nicht so völlig fehl am Platz gefühlt hätte (nicht meine Uni, usw.), hätte ich gerne noch bisschen mehr da gestöbert, aber die Atmosphäre war einfach irgendwie seltsam…
    Als Uni-Fremde war das sich zurechtfinden, aber auch nicht einfach, vor allem da die Bibliothek ebenfalls auf mehrere Gebäude verteilt ist.
    (Der Lesesaal in HH hat übrigens Bänke ähnlich derer in Filmen, wenn ich mich richtig erinnere, nur sind die Lampen etwas moderner 😉 )

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    1. Ich gebe ganz ehrlich zu, dass ich – obwohl sonst Büchernärrin durch und durch – die Bibliotheken an der Uni zu meiden versuche. Eben weil die meisten Bibliotheken und Teilbibliotheken, die zu meinen Fachbereichen gehören, ein wenig… nun, creepig sind. In 90% der Fälle finde ich bessere und umfangreichere Quellen online. Aber manchmal ist es unvermeidlich…

      Alte Bücher sind toll… egal in was für einem halbmodernden, gruselig unausgeleuchteten Halbdunkel sie stehen (ich hatte bei meinem Ausflug zum Glück eine Taschenlampe am Schlüssel), das mit der Atmosphäre kann ich aber gut nachvollziehen – ich glaube, die ist an vielen Uni-Bibs seltsam.

      (Awwww 😀 aber cool genug klingt das im Vergleich zu den grauen Mensatischen, die ich bisher gesehen habe 😀 )

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  2. Meine Zeiten auf einer UB sind lange vorbei. Ich hab’s immer genossen, von lauter Büchern umgeben zu sein, und eigentlich nie Probleme gehabt, etwas zu finden. Bei der Institutsbibliothek konnte es etwas dauern, weil die über 3 Stockwerke verteilt war und natürlich die Bücher, die man brauchte, auf allen 3 zu finden waren. Konnte sogar den Bibliotheksleiter der IB unter Aufbietung all meines Charmes dazu bezirzen, mir ein nicht ausleihbares Exemplar für 24 Stunden zu überlassen, damit ich es in Ruhe kopieren kann 🙂
    Also keine schrägen Erlebnisse von mir. In letzter Zeit nur gute mit einer normalen Bücherei. Da meine Mutter dort arbeitet, darf ich bei meinen Besuchen in den Lagerraum und von den aussortierten Exemplaren alles mitnehmen, was mir gefällt. Was so abläuft, dass ich mit zwei Kisten für den Büchereiflohmarkt runterfahre und mit einer neu befüllten wieder raufkomme. Ein Fortschritt, bis vor Kurzem war die Ratio noch umgekehrt. Im Gegenzug sind dort auch einige meiner privaten Bücher zum Ausleihen aufgestellt, um die English-Abteilung aufzustocken.
    Ich finde Bibliotheken sehr inspirierend, egal ob in alten Herrenhäusern oder moderne an den neuen Unis. Von lauter Büchern umgeben zu sein, lässt meine Muse durchdrehen. Der einzige Nachteil an Bibliotheken ist für mich der Reichtum an Recherchemöglichkeiten, der sich einem bietet – ich würde am liebsten Tage dort verbringen und mich durch alle Werke durchgraben. Aber dann käme ich selbst nicht mehr zum Schreiben, ist also keine Option. Leider.

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    1. Eigentlich mag ich es auch, wenn um mich herum nur noch Bücher sind – aber keine Ahnung, was die Bibliothekserbauer sich an der Zentralbibliothek der Uni Mainz gedacht haben (von den 500 Bereichsbibliotheken ganz abgesehen, davon berichte ich aber das nächste Mal, da habe ich neulich auch ein Abenteuer erlebt).
      Ausrangierte Büchereibücher <3… So eine Symbiose mit einer Bibliothek muss wunderschön sein… Wow 😀
      Dort, wo ich mich herumgetrieben habe, gibt es einen Vorteil: Nur ein Bruchteil der Bücher ist in einer Sprache geschrieben, die man versteht (selbst wenn es wie in meinem Falle 5 Stück sind) ^^. Was mich ein wenig an die Bibliothek in Hogwarts erinnert 🙂

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