Wieso automatische Stilanalysen Unsinn sind

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22. November 2014 von Evanesca Feuerblut

Ich folge auf Twitter recht vielen Autoren, einige von ihnen sind auch leidenschaftliche Blogger und so war es nur eine Frage der Zeit, bis ich bei einem Autorenblogpost über den Link zu einer Onlinestilanalyse fand – genauer gesagt zu der hier, deren Potential im Blogpost mit dem stark gehypten Stilanalysetool bei „Papyrus Autor“ verglichen wurde. Ich halte nicht viel von automatischen Stilanalysen, pflege aber sämtliche mir vor die Augen springenden Tools sofort auszutesten. Einfach aus Spaß an der Freude.
In diesem Fall kam aber noch hinzu, dass ich allmählich vom Hype rund um das zärtlich „Papy“ genannte Programm genervt war/bin, von dem es immer heißt, man müsse es haben, sonst sei man kein guter (angehender) Autor – denn es enthält den Duden Corrector und eben eine Stilanalyse, ohne die man als Autor doch unmöglich klarkommen könne.

Früh übt sich, wer keiner Analyse vertrauen will

Meinen ersten vernünftigen Rechner bekam ich 2001 – als ich meine Bestätigung fürs Gymnasium in der Tasche hatte, gab es einen für damalige Verhältnisse High-End-Rechner als Belohnung. Das Ding kostete so ziemlich genauso viel wie unser damaliges Auto und war das Neueste auf dem Markt: Ein Windows Millenium mit Microsoft Office 2000, etlichen vorinstallierten Spielen, zwei von Haus aus integrierten CD-Laufwerken zum Brennen und ganzen 40 GB Festplattenspeicher.
Ich schreibe seit ich acht bin – und seit ich schreiben kann, hasse ich es, dies mit der Hand zu tun. Die logische Konsequenz? Ich verbrachte Stunden damit, mit den Office-Programmen zu spielen – denn wozu die eigentlich da waren, wusste ich mit 10 natürlich nicht… Dass man aber bei Microsoft Word was reinschreibt, das hatte ich schnell raus.
Und schon bald stellte ich fest, dass neben der automatischen Rechtschreib- und Grammatikprüfung es die Möglichkeit gab, eine vorinstallierte Stilprüfung zu aktivieren. Und was tut eine neugierige Zehnjährige? Natürlich das Ding anschalten, aufmerksam die Hilfetexte lesen und dann STUNDEN damit verbringen, statt wirklich Texte zu schreiben, mit der Stilprüfung herumzuspielen. Und so ganz nebenbei auch mit den anderen Prüfungen (Rechtschreibung und Grammatik).

Fakt ist: Ich habe damals sehr viel über vulgäre und veraltete Ausdrücke, über Helvetismen und Austrizismen und über Sätze mit mehr als 30 Wörtern gelernt. Und ich habe festgestellt, dass man Word 2000 prima in eine Endlosschleife werfen kann, wenn man Folgendes tut:

Man nehme eine wörtliche Rede, die aus mehreren Sätzen besteht und hängt an den letzten Satz „, sagte er. an
Word wird die Anführungszeichen vor dem Komma als falsch ankreiden und wegmachen und es mit irgendeiner Interpunktionsregel begründen. Man klickt also auf „verbessern“ (oder wie die Schaltfläche damals hieß, das Ganze ist 14 Jahre her…).
Im Anschluss wird Word monieren, dass man da ein Anführungszeichen vergessen hat und mit irgendeiner Regel begründen, dass es dort hinmuss. Wenn man nun erneut die Verbesserung zulässt, geht der Kreislauf von vorne los.

Passiert das mit Absicht, ist es noch ganz lustig. Nervig wurde es höchstens, wenn ich die Rechtschreibprüfung drüberlaufen ließ und sich der PC beinahe aufhängen musste, weil er sich an diesem Pseudofehler halbtot gerechnet hat.

Funktioniert meines Wissens spätestens seit Microsoft Office 2003 nicht mehr, aber ab dann ist auch keine Stilanalyse mehr bei Word inbegriffen und es fehlen die umfangreichen Hilfetexte mit Anleitungen, wie man einen guten Text schreibt. Diese Hilfetexte zu Microsoft Office 2000 waren die ersten „Schreibratgeber“ die ich gelesen habe (gefolgt irgendwann von „Elements of Style“ in Auszügen mehr als ein Jahrzehnt später im Studium).

Als ich meine ersten selbstgeschriebenen und ausgedruckten Texte voller Begeisterung dann einige Wochen nach den Sommerferien meiner Deutschlehrerin vor die Nase hielt und dabei versicherte, weder die Rechtschreib*- und Grammatikprüfung, noch die Stilanalyse von Word hätten was an meinem Text auszusetzen, war ich mir sicher: Der Text muss einfach perfekt sein.
War er aber nicht. Die Lehrerin hüstelte verlegen und meinte, für eine Zehnjährige wäre es eine erstaunliche Leistung, was ich fälschlicherweise als was Positives interpretierte. Von da an musste sie jedes neue Kapitel lesen, mein damaliges bis heute unfertiges Machwerk umfasste gut 13 geschriebene Kapitel (von denen ich 8 tatsächlich ausgedruckt habe) und war in Druckform bestimmt an die 50 Wordseiten – nicht Normseiten, wohlgemerkt – lang.
Irgendwann später, mit „reifen“ 14 und als ich langsam begann, mich ernsthaft mit dem Schreiben auseinanderzusetzen, bekam ich das Manuskript erneut in die Hand und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Einzige mögliche Bewältigungstherapie war es, mir einen Rotstift zu schreiben und wild in meinem Manuskript herumzukorrigieren. Doppelte Wörter, Satzanfang mit „Und“, falsche Verwendung von das/dass, Ausdruck, Wortwahl, fehlende Brocken mitten im Satz… das volle Programm.
Trotz Stilanalyse und Rechtschreibung-Grammatiküberprüfung.

Von 2001 bis 2014

Ich gebe zu, vermutlich sind die Programme innerhalb von 13 Jahren ein wenig intelligenter geworden – aber sie können in meinen Augen niemals die geschulten Augen eines Korrekturlesers (es muss nicht mal zwingend ein dafür ausgebildeter Lektor sein) ersetzen. Kommen wir auf http://www.stilversprechend.de/ zurück, über das, wie bereits erwähnt, behauptet wurde, es wäre so mächtig wie die Stilanalyse bei Papyrus Autor.

Vor einigen Tagen begann ich ein neues Projekt, das ich für den Blog mit [AAR] abkürzen möchte. Als ich über diese Stilanalyse stolperte, war es für mich besonders reizvoll, mein erstes Kapitel dort reinzugeben. Ich war gespannt, was mir die Software ankreiden würde, denn ich war mir sicher, dass der Text noch eine Menge Verbesserungspotential hat.
Nichts.
Zuerst dachte ich, mein Text wäre vielleicht nicht angekommen und copypastete ihn noch mal.
Nichts.
Um zu testen, ob überhaupt etwas passiert – außer dass irgendwelche Werte wie Passivanteile und Fleschindex ausgerechnet wurden – habe ich einen Text eingefügt, den ich 2005 geschrieben habe und bei dem ich genau weiß, dass er schlecht sein muss. Ich verwende ihn im L&L’s, einfach weil er so schlecht ist, um meine User im Feedbackgeben und Fehlererkennen zu schulen, denn der Text strotzt regelrecht davon.
Und das Einzige, was mir diese Analyse anstreicht, ist irgendwo im oberen Drittel eine kleine Wortwiederholung. Während sogar im Texteauseinandernehmen völlig unerfahrene Autoren in dem Text so viele Fehler finden, dass ihre Fehlerberichte länger werden als mein Text, findet das Tool gerade mal einen mickrigen Fehler.
Nachsichtig stelle ich fest, dass es sich ja gar nicht um die Originalversion von September 2005 handelt sondern um eine 2008 oder 2011 verbesserte Fassung und stilanalysiere das 2005er Original.
Da passiert wieder nichts.
Erst als ich mehrere Originalkapitel von 2005 aneinanderreihe um das Ding mal in Aktion zu sehen, findet das Tool eine Wortwiederholung und einmal Nominalstil für die Wendung „Das mit Caesar kann ich dir nicht erklären“. Ich reihe weiter und bekomme ein paar Passiv-Formen markiert.

Damit will ich nicht sagen, dass ich gut bin. Im Gegenteil. 90% von dem, was ich als Teenager geschrieben habe ist so großer Mist, ein Glück, dass das Meiste davon in nicht öffentlich einsehbaren Fanfictionforen steht oder eindeutig als „für Feedbackanfänger zum Abschuss freigegeben“ markiert ist und somit die Lizenz zum Schlechtsein hat. Selbst ein recht ungeübtes menschliches Auge wäre aber in der Lage, meine Fehler zu sehen und sie mir anzukreiden.
Ein angeblich sehr mächtiges Tool dafür jedoch nicht.

Das Gefährliche daran?

Ganz einfach – gerade Jungautoren oder sehr unsichere Autoren verlassen sich blind auf alle möglichen Arten von Tools und Programmen. Ob es sich dabei um Rechtschreibtools, Stilanalysen oder was weiß ich was für Zeug handelt, frisch einsteigende Autoren sind so auf Perfektion vom ersten Wort an gebürstet und lassen sich so sehr von „das musst du als Jungautor unbedingt verwenden, kostet zwar ein wenig mehr, macht dich aber garantiert zum Bestsellerautor“ verunsichern, dass sie blind alles Mögliche kaufen und die Krise kriegen, wenn es mal nicht funktioniert.
Ich verwende Evernote als Tool, um von unterwegs oder von der Uni aus auf gerade in Bearbeitung seiende Texte zuzugreifen (wenn ich ohnehin eine Freistunde oder ewig viel Fahrzeit habe, wieso nicht sinnvoll ausnutzen?) und yWriter für ein Projekt, das ich nicht chronologisch schreibe und bei dem ich mich sonst einfach verzetteln würde. Manche Leute verwenden nicht einmal das.
Aber ich versuche immer diejenige zu sein, die die Tools kontrolliert – statt mich von meinen Tools kontrollieren zu lassen. Die zuverlässigste Stilanalyse ist immer noch die, bei der man einen frisch geschriebenen Text eine Weile liegen lässt, ihn anschließend noch mal hervorkramt und schon springen einen die Fehler regelrecht an.

Fazit

Das lässt sich mit „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“ am Besten umschreiben. Stilanalysen können praktisch sein, wenn sie intelligent programmiert sind. Aber wenn man all sein Seelenheil in ihnen sieht, wird man blind für die Fehler im Text und vor allem… Ja, sie verleiten zumindest mich dazu, zu prokrastinieren und eeewig mit ihnen zu spielen, statt zu schreiben.

Und ich hoffe inständig, dass die Stilanalyse in einem teuren Programm besser ist als die bei einem kleinen Onlinetool. Vielleicht kann mir da jemand von euch was sagen :).

P.S.: Rein aus Spaß habe ich auch diesen Blogpost in die Textanalyse geworfen und festgestellt, dass das Tool – wie so viele andere auch – nicht in der Lage ist, zwischen Passiv und zusammengesetzten Vergangenheitsformen im Deutschen zu unterscheiden.

*bis auf die ganzen selbsterfundenen Wörter und Namen, die ich erst zum Wörterbuch hinzufügen musste…

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17 Kommentare zu “Wieso automatische Stilanalysen Unsinn sind

  1. Evy sagt:

    Eine schöne Geschichte, die sehr spannend zu lesen ist. Aber ich hätte mir mehr Inhalt gewünscht 😦

    Ich versuche meinen Stil zu finden, aber Stilanalysen würde ich nie verwenden – dann lieber gute Betaleser 🙂

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  2. Ally sagt:

    Ich nutze gar keine Tools, sondern schreibe in Word, überarbeite, lasse gegenlesen und überarbeite nochmal. Das Schreiben als Handwerk, ohne „moderne Maschinen“ – da kann ich ja nur versagen. Egal, ich probiere es dennoch. #hardcore 😀

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  3. Steffi sagt:

    Ich fühle mich gerade geistig recht minderbemittelt, da ich bislang weder solche Tools kannte, noch diesen Flesch-Wert! Danke für einen weiteren interessanten Post, wieder was gelernt 🙂

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  4. Julia sagt:

    Tja, ich kann nur sagen: wenn das Tool „fast so gut wie Papyrus“ ist, dann erstaunt mich dein Fazit überhaupt nicht. Ich musste mit Papyrus arbeiten – und habe es gehasst! Klar, das Ding hat viele tolle Funktionen, aber auch ebenso viel überflüssigen Mist. Und mit der Stilanalyse habe ich kurz rumgespielt und dann beschlossen, dass ich das besser von Hand mache…

    LG, Julia

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    • Ich denke, das ist bei allen Tools so – weshalb ich so gegen „Tool X ist ein Allheilmittel“ bin. Es gibt immer etwas, womit niemand etwas anfangen kann.
      Wann immer ich Zeit habe, probiere ich mich zum Spaß durch die Wwelt der OpenSource-Autorentools, bisher sind aber nur wenige hängen geblieben und in Benutzung.

      LG,
      Evanesca

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  5. saint sagt:

    Ich muss ehrlich sagen, ich kannte solche Programme auch nicht.. und irgendwie glaube ich, das ich es auch niemals verwenden werde..^^
    Grade weil ich ein Spontanschreiber bin, mit einem Stumpfen Bleistift auf die Rückseite eines Bierettikets irgendwo im Park.
    Oder auf die Serviette im Restaurant, auf den Rand des Übungsblattes im Englischkurs etc..
    Ich brauche solche SItuationen um kreativ zu sein.
    Und so grob, wie das Programm zu sein scheint, bin ich bei mehrmaligem durchlesen allemal 😀

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  6. cuchillapitimini sagt:

    Sehr informativer Artikel 🙂 Ich schreibe auch echt gerne, aber um ehrlich zu sein habe ich noch nie von diesen Stilanalyse-Tools gehört. Ok, bisher war das Schreiben auch nur auf das Bloggen oder aufs lari-fari-Zusammenschreibseln bezogen. Erst seit diesem Jahr spiele ich mit dem Gedanken, das ganze etwas ernsthafter und „professioneller“ aufzuziehen. Auf solche Tools möchte ich aber nicht zurückgreifen, wie du selbst auch schon empfohlen hast, möchte ich mich (irgendwann mal) auf Testleser verlassen, nicht auf Computerprogramme.

    Ok, gerade habe ich zum Spaß ein Kapitel meiner aktuellen Geschichte eingefügt. 3 lange Sätze waren drin, sonst nix. Bestsellerliste, ich komme!! 😀

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    • Ach, nichts ist jemals wirklich Larifari – nur weil ein Text nicht unendlich schwer und wohlüberlegt aufs Papier kam, ist er nicht automatisch schlecht. Oft sind solche Texte von einem Charme, den man künstlich nicht hinbekommt :).
      Aber beim Professionellen wünsche ich viel Erfolg.
      Testleser sehen immer mehr – und auch sich selbst kann man durch Übung schulen, mehr zu sehen.

      ^^

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  7. Same here – der Laura-Post von letzter Woche („Chinesisch“) kriegt nur schwachsinnigstes Feedback, etwa das ankreiden einiger langer Sätze. Und das Tool hat tatsächlich eine Wortwiederholung gefunden:
    „Entschuldigung“, setzte sie an, aber verstummte. Diese Augen… die hatte sie schon gesehen. Und nicht nur sie… Sie spürte, wie Hitze in ihr aufstieg, gefolgt von der Erinnerung an diese Nacht…
    Dass da drei Punkte zwischen „sie“ und „Sie“ ist und dass allein von der Satzkonstruktion her es zwei Sätze sind, checkt das Tool nicht.

    Und wenn ich den Anfang von Eisklinge eingebe (von 2010, wohlgemerkt!), dann erhalte ich als Feedback auch nur zwei, drei lange Sätze, etwas passiv und es wird tatsächlich ein Satzanfang als böse angestrichen, der mit „Es“ beginnt…. *kopfschüttel*

    Fazit: Mensch, muss ich gut sein.
    Oder verflixt, ist das Programm schlecht.

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