[Gastartikel] Während ich dies las, trank ich Kaffee

Habe ich schon mal gesagt, dass ich eigentlich keine Gastartikel posten möchte? Es gibt immer wieder Blogger, für die ich jederzeit eine Ausnahme von so ziemlich jeder Regel machen würde. Und dazu gehört fruehstuecksflocke – also jener Blogger, mit dem ich zwei Projekte stemme (siehe Sidebar) und dessen Kurzgeschichten- und Gedichteblog ich jedem hiermit ans Herz lege.
Beitrag könnte Spuren von Sarkasmus und Apfelmus enthalten ;-).

Wie viele andere (angehende) Autoren bin auch ich auf Twitter aktiv und folge dort – welch Überraschung – auch vielen anderen Schreibenden. Schließlich lebt das Schreiberlingsdasein unter anderem auch vom Austausch mit Gleichgesinnten, von den vielen „Hast du schon gesehen“, „Hast du schon gewusst“, „Guck mal, das geht so“ und „Ach, das kenn ich längst“. Wer auf Twitter etwas gräbt, findet dort bald mehr Schreibtipps, als er in der Kürze des menschlichen Lebens je beherzigen kann. (Man munkelt, schon Theophrast habe darüber geklagt…)

Aber nicht alles, was glänzt, ist Gold.

Jüngst las ich etwa folgenden Schreibtipp auf Twitter, der mich sofort zu Feder und Papier greifen ließ:

Folgender Tipp erging:

https://twitter.com/RichardNorden/status/541865273192906752

Während ich diesen Tweet las, trank ich Kaffee. Erst zum an den Kopf Greifen habe ich die Tasse wieder abgesetzt. Das habe ich nicht einmal als Beispiel erfunden, sondern das ist wirklich so passiert.

Es passieren Dinge also sehr wohl „gleichzeitig“.

Schauen wir uns zur besseren Veranschaulichung eine kleine Grafik an.

Illustration von fruehstuecksflocke
Eine allzu typische Morgenroutine… Grafik von fruehstuecksflocke, CC-BY

Wie uns diese wunderschöne Grafik (fast wie in einem echten Schreibratgeber!) zeigt, kann eine Handlung tatsächlich passieren, während eine andere Handlung gerade auch passiert. Also gleichzeitig. Handlungen können nicht nur gleichzeitig passieren, eine Person kann sogar gleichzeitig zwei Handlungen vollziehen. Nennt manch einer auch Multi-Tasking. Böse Zungen würden jetzt sagen „Aber Männer können das doch gar nicht!“ Dem sei hiermit entgegnet, dass auch ich, fruehstuecksflocke höchstpersönlich, ein Kerl bin und das sehr wohl kann.

Daran kann das Problem mit Gleichzeitigkeit und „während“ also nicht liegen.

Aber an etwas Anderem.

Es ist völliger Quatsch, dass Handlungen nicht gleichzeitig passieren können (s.o.). Genau dafür gibt es die Konjunktion „während“.

duden.de definiert „während“ so:

leitet einen Gliedsatz ein, der die Gleichzeitigkeit mit dem im Hauptsatz beschriebenen Vorgang bezeichnet; in der Zeit, als …

Darüber hinaus ist „während“ auch noch etymologisch mit dem tollen Wort „währen“ im Sinne von „andauern, bestehen“ verwandt.

Ein solches Wort zu verteufeln, ist erstaunlich kurz gedacht. Wozu sich der vielfältigen Möglichkeiten der deutschen Sprache so krampfhaft berauben?

Das Wörtchen „während“ bringt nämlich wirklich einen interessanten Aspekt mit sich, wenn wir es schriftlich gebrauchen.

Das schriftliche Medium ist linear. Ein Leser liest einen Satz oder ein Satzgefüge immer vom Anfang bis zum Ende. Von Links nach Rechts. Ausnahmslos, denn beim Ende zu beginnen macht keinen Sinn – dafür ist weder unsere Schrift, noch unsere Syntax ausgelegt.

Wenn wir also folgenden Satz haben: „Während ich diesen Tweet las, trank ich Kaffee.“ Dann nimmt der Leser die Reihenfolge so wahr:

  1. Tweet lesen
  2. Kaffee trinken

Der Kaffee kann nicht vor dem Tweet kommen – denn er ist in der Abfolge des Satzes nachgereiht. Was gleichzeitig passiert, kann in einem linearen Medium nicht gleichzeitig dargestellt werden. So funktioniert die Wahrnehmung beim Leseprozess leider nicht.

Sagte ich leider?

Tatsächlich können wir dank dieser sequentiellen Abfolge beim Lesen die Wahrnehmung des Lesers bewusst steuern – wir können so durch Satzkonstruktionen mit „während“ eine Gleichzeitigkeit konstruieren, die der Leser als solche wahrnimmt, ohne zu bemerken, dass er selbst diese Gleichzeitigkeit als Sequenz aufgenommen hat.

Wir können entscheiden, was der Leser zuerst wahrnehmen soll – das Trinken des Kaffees oder das Lesen des Tweets.

Während ich diesen Tweet las, trank ich Kaffee.

Während ich Kaffee trank, las ich diesen Tweet.

Wir können sogar noch mehr. „während“ ist eine Subjunktion – sie verlangt einen dem Hauptsatz untergeordneten Gliedsatz.

Wir können damit einen Akzent setzen. Klar stellen, welche Handlung hier wichtig ist. Das mag bei einem belanglosen Satz über das Lesen von Tweets und Trinken von Kaffee nicht auffallen.

Aber: Während ich diesen polemischen Artikel hier schreibe, bricht mein Bruder gerade meinen Highscore bei Super Mario.

Für jeden Leser völlig klar, was für mich gerade wichtiger ist. Mein Highscore, ey!

Während mein Bruder gerade meinen Highscore bei Super Mario bricht, schreibe ich diesen polemischen Artikel hier.

Mein Bruder, dieser Kindskopf. Spielt doch tatsächlich noch Super Mario.

Wir können damit Handlungen also kontrastieren. Damit haben wir auch ein Bewertungsmittel. Sowohl für Handlungen, als auch dafür, was die Handlungen tun. Personen charakterisieren zum Beispiel.

Bei obigen Beispielen sind entweder mein Bruder und ich Kindsköpfe – oder nur er, denn ich schreibe wie ein Erwachsener einen Artikel.

Nur eines von vielen Beispielen. „während“ ist ein wahnsinnig mächtiges Wort. Es wäre schade darum, es für so einen zu kurz gedachten Schreibtipp zu opfern.

Natürlich könnten wir jetzt sagen: „Genau das meinte Herr Norden, aber das ging sich auf Twitter mit 140 Zeichen einfach nicht aus.“

Aber das tun wir nicht. Weil während wir dies schrieben, wurde unser Kaffee kalt.

Der langen Rede kurzer Sinn: Glaubt nicht alles, was ihr in Schreibratgebern lest. Denkt selber nach.

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlichst bei Evanesca Feuerblut bedanken, die so gütig war, meinem kleinen Pamphlet hier ein Obdach zu geben. Und bei allen Lesern, die es bis hierher geschafft haben.

Und meine herzlichste Entschuldigung an Herrn Norden – nichts für ungut. Ich finde zum Beispiel Ihre Software-Tutorials toll (vor allem das letzte zu OneNote!), auch die Mühe, die Sie in ihr E-Zine stecken, ist beachtlich und hat meinen größten Respekt.

Aber bitte tweeten Sie doch nicht solchen Quatsch 😉

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8 Gedanken zu “[Gastartikel] Während ich dies las, trank ich Kaffee

  1. Hihi, also ich schaffe das auch regelmäßig mehrere Sachen gleichzeitig zu machen und würde dabei sicher so manchen in den Wahnsinn treiben. Angewöhnt habe ich mir das hauptsächlich in der Arbeit, wo ich schon mal kauend am Telefon in der Warteschleife einer Praxis hänge und dabei Notizen mache.

    Liebe Grüße
    fantasylife

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  2. Ich habe mich beim Lesen dieses Artikel wirklich herrlich amüsiert. 🙂
    Es freut mich, wenn ein kurzer Tweet dazu führt, dass sich jemand so intensiv mit einem Thema auseinandersetzt. 😉

    Nur soviel: Wie man am Hashtag #Schreibtipp erkennen kann, handelt es sich bei meinem oben zitierten Tweet um einen Tipp, der sich aufs Schreiben von Romanen und Kurzgeschichten bezieht, also die sequentielle Schilderung von Ereignissen auf dem Papier – und da ist das Verknüpfen von Ereignissen mit „während“ nun mal ein stilistischer Stolperstein, der den Leser leicht aus seinem Lesefluss reißt. 😉

    Statt das umgangssprachlich oft überstrapazierte „während“ zu verwenden, ist es im Roman meist besser, die Geschehnisse in kürzere Sätze zu unterteilen und so die Aufmerksamkeit des Lesers gezielt zu lenken – genau wie der Kameramann eines Kinofilms durch die Kameraführung und Scharfstellung steuert, worauf sich die Aufmerksamkeit des Zuschauers richtet.
    Testen Sie es selbst einmal – was liest sich in einem Roman besser?
    1) Während die Kugeln links und rechts von ihm einschlugen und scharfkantige Betonsplitter ihm um die Ohren flogen, rannte Peter auf die rettende Deckung zu…
    Oder doch eher diese Version?
    2) Irgendwo knatterte eine Maschinenpistole. Kugeln schlugen links und rechts von Peter in die Wand. Ein scharfkantiger Betonsplitter zupfte durch sein Hemd. Peter spürte, wie er brennend über seinen Arm schrammte. Er stolperte vorwärts. Die rettende Deckung war nur noch wenige Meter entfernt…

    Wer sich näher für dieses Thema interessiert, sollte sich mal die „Motivation Reaction Unit“ aus dem Buch „Techniques of the Selling Writer“ von Dwight Swain näher anschauen. Es lohnt sich! 🙂

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    1. Herr Norden, welche Ehre – mit einer Wortmeldung Ihrerseits habe ich hier nun wahrlich nicht gerechnet! :O
      Es freut mich sehr, zu Ihrem Amüsement beigetragen zu haben! Das Vergnügen war sogar ganz meinerseits 😉

      Nun, ich beziehe mich hier auch auf das Schreiben von Romanen und Kurzgeschichten. 😉
      Auch hier ist der Tag „Schreibtipp“ zum Beitrag gesetzt – wenngleich kein Hashtag, da wir ja nicht auf Twitter sind…

      Zu Ihrer Aussage bzw. der Präzisierung Ihrer Aussage aus dem Tweet: Es tut mir leid, ich muss da widersprechen.

      Sie stellen uns hier zwei Varianten vor und fordern uns auf, zu wählen, welche sich besser liest. Hierbei lassen Sie aber sehr fahrlässig außer Acht, dass diese beiden Varianten mitnichten gleichwertig sind.
      Wie Sie selbst schon schreiben, ist es im Roman meist besser, die Aufmerksamkeit des Lesers gezielt zu lenken.
      Ein Mittel für genau diese Aufmerksamkeitslenkung kann das Wörtchen während sein (s. auch oben stehender Artikel 😉 ), wie Sie so freundlich waren, sogar mit Beispielen zu illustrieren.

      Variante 1 stellt uns Kugelhagel und Betonsplitterregen zwar als gleichzeitiges, aber weitaus unwichtigeres Geschehnis im Vergleich zu Peters Spurt in die rettende Deckung dar. Was für uns als Leser hier wichtig ist: Peter rettet sich. Genau darauf legt dieser Satz den Fokus.

      Variante 2 hingegen legt den Fokus auf den Kugelhagel. Maschinenpistolen knattern, Kugeln schlagen ein, ein Betonsplitter zupft sein Hemd. Peter stolpert usw. usf.

      Das ist von der Satzbedeutung her ein ziemlicher Unterschied.
      Man kann hier unmöglich entscheiden, was sich „besser“ liest – es kommt ganz darauf an, was ich mit dem Satz sagen will.
      Ist die Szene hektisch? Geht es um Sekunden? Wollen wir diese Sekunden zerdehnen, jeden Bruchteil von ihnen beschreiben? Dann brauchen wir Variante 2.
      Soll es hingegen wirklich schnell gehen? Ist Peter ein routinierter Profi, der in seinem Leben schon in zig Kugelhagel reingeraten ist? Dann wäre Variante 1 besser, denn so besonders findet das dann wohl weder Peter, noch der Autor, noch der Leser.

      Beide Varianten haben ihre Berechtigung, eben je nachdem, was ich überhaupt sagen will. Von vornherein als Schreibtipp nur die eine Variante anzupreisen und damit die andere Variante nicht nur unter den Tisch zu schweigen, sondern gleich von ihr abzuraten, das halte ich für die falsche Herangehensweise.
      Schreibtipps sind gerade dazu da, jungen und unerfahrenen Autoren unter die Arme zu greifen, ihnen Chancen und Möglichkeiten aufzuzeigen.
      Wenn wir aber pauschal eine Variante verteufeln und eine andere anpreisen, ohne dafür fundierte Gründe zu nennen und ihnen einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen, dann treiben wir den Nachwuchs zum Einheitsbrei.

      Und das kann nun wirklich nicht unser Ziel sein.

      Gefällt 1 Person

  3. Herllich und du hast sooo Recht 😀 Es gibt in der Tat viele sogenannte Tipps, die totaler Käse sind.
    P.S. Und während ich deinen Eintrag las, nippte ich an meinem Cappuccino und genoß den herrlichen Schoko-Geschmack – oh ja, alles gleichzeitig ;-p

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