Die dunkle Seite des Fangirlings?

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15. Januar 2015 von Evanesca Feuerblut

Ich bin immer noch unfassbar wütend.
Heute ist der zweite Tag des BuWi-Bücherflohmarkts bei mir an der Uni.
Gestern schlug ich ordentlich zu, wie ich es immer zu tun pflege, wenn Bücher für teilweise 0,10 € pro Band abgegeben werden und ich Schätze entdecke, hinter denen ich teilweise seit Jahren her bin und die es nur noch gebraucht oder über Umwege zu kaufen gibt.

Was auch fleißig auf Twitter dokumentiert ward, weil ich sogar für meine Verhältnisse ungewöhnlich viele Bücher gekauft habe – 12 auf einen Schlag habe ich noch nie zuvor gekauft, aber ein Großteil war von derselben Autorin und ich finde ihre Bücher zu selten auf Bücherflohmärkten. Da musste die Gelegenheit genutzt werden.

Meine linke Hand schmerzt immer noch – manchmal muss man für seine Liebe Opfer bringen. Oder nicht ganz so ungeschickt mit Rucksäcken und Taschen hantieren.

Und ich dachte, heute nochmals zu stöbern, gestern standen nämlich einige unausgepackte Bücher in Kisten herum und ich hatte die Hoffnung, vielleicht noch die „Witching Hour“-Reihe von Anne Rice dort vorzufinden.

Da hörte ich zufällig, wie sich eine Blondine furchtbar über Fans aufregte, die „Dumbledore für schwul halten“.
Ich dachte mir nichts Schlimmes dabei, in eine Diskussion von Buchliebhabern einzusteigen – als Buchliebhaberin, Potterleserin mit inzwischen 15 Jahren Canonerfahrung und fast-auswendig-Kennerin ganzer Passagen darf ich ja bestimmt mitreden. Ist ja kein Exklusivclub.
Und gestern konnte ich mit den Jungs und Mädels am Stand auch wunderbar plaudern beim Stöbern.

Und so sprach ich die verhängnisvollen Worte „Aber es ist längst offizieller Canon, dass Dumbledore schwul ist und was mit Grindelwald hatte„.

Der Sturm der Entrüstung, der daraufhin über mich hereinbrach, nahm mir in gewissem Sinne die Freude am Bücherstöbern – aber auch als das Mädel behauptete, Rowling hätte in diese Richtung gehende Gerüchte dementiert, man könne mit Fangirls ja ohnehin nicht reden und es gäbe Fans, die allen Ernstes behaupten, Harry und Draco wären auch schwul, hahaha, wie lustig, dabei haben beide doch Kinder, hahaha, dumme Fangirls… blieb ich für meine Verhältnisse ungewöhnlich ruhig und sagte nichts mehr.
Dabei war soeben Folgendes passiert: Zunächst behauptete sie, die Bücher 15 mal häufiger gelesen zu haben als ich (ähm… Genitalienvergleich, dafür gibt es kein Fachwort, glaube ich). Dann, dass Rowling selbst dies dementiert hätte (argumentum ad verecundiam, wobei hier erschwerend noch dazukommt, dass das gar nicht stimmt). Und schließlich wurde mein Statement über Dumbledores sexuelle Orientierung durch die Anekdote über das Drary-Fanmädchen lächerlich gemacht, das fest davon ausging, Drary* wäre Canon (Argumentum ad personam, da damit ich auf eine Stufe mit dem angeblich dummen Fangirl gestellt werde und somit ebenfalls dumm sein muss).
Mit anderen Worten: Eigentlich hat sie mir gegenüber – vermutlich unbewusst – die ganze Bandbreite an schwarzer Rhetorik ausgebreitet, wie man es in einem gesitteten Gespräch eigentlich nicht tun sollte.

Und wenn ich ehrlich bin, gehe ich bei Studenten, zudem angehenden Buchwissenschaftlern, davon aus, dass sie zu einem gesitteten Gespräch in der Lage sind.

Aber ich kaufte nur heute nichts mehr (mir war das Stöbern vergangen und die Buchtitel verschwammen vor meinen Augen) und ging in die Bibliothek, um ein wenig zu surfen, bevor ich in meine Lehrveranstaltung muss. Aber irgendwie bekam ich das selbstgefällige Grinsen des Mädels nicht aus dem Gesicht. Es war nicht der persönliche Angriff. Ich hatte das Gefühl, dass da noch was war und ich kam nicht sofort darauf.

Erst nach einer Weile kam ich darauf, was mir keine Ruhe gab.
Wenn sogar die Autorin ein Pairing offiziell bestätigt, Homosexualität in ihrem Romancanon offiziell vorkommt und sie ihre Romanfiguren auch noch gegen Homophobe verteidigt, wie hier und hier nachzulesen… und dann jemand aber vehement behauptet, es wäre anders und ich wäre nur ein dummes Fangirl… Was sagt das über diesen Menschen aus?

Ich finde es widerlich, wenn mir latente Homophobie bei der Generation 60+ begegnet. Aber oft resigniere ich irgendwann, weil ich es leid bin, immer dieselben Argumente vorzubringen, scheinbar Einsicht vorzufinden und dann den gleichen Unsinn ein paar Tage später erneut zu hören.
Aber das Mädel ist ungefähr so alt wie ich, vielleicht etwas älter oder jünger (ich kann absolut nicht schätzen, wie alt ein Spätteenie oder Twen ist – sie könnte 18 sein oder 27). Und für mich hat ihr Hauptargument, zusätzlich zu der oben wiedergegebenen Rhetorik mir gegenüber, noch gelautet „nicht Anerkennen, dass Dumbledore schwul ist, weil Dumbledore toll ist“. Und das bedeutet im Prinzip nur eins: „Ergo glaubt Person X nicht, dass homosexuelle Menschen großartige Menschen sein können“.
Und ja, da geht etwas mit mir durch, weil das schlicht menschenverachtend ist.

Also habe ich dem Mädel die Focus-Story für mein eigenes Geld am Unidrucker ausgedruckt und hingehalten.

Ihre Worte: „Nicht dein Ernst.“

Doch, mein Ernst.

„Quelle?“

„Focus.“

Da war sie eine Weile ratlos. Hätte ich „Bild“ gesagt, hätte sie mich mit ihrer Überlegenheit vielleicht irgendwie battlen können – indem sie sich einer Argumentationstechnik bedient hätte, die dieses Mal meine Quelle schlecht macht… Vermute ich.
Nach einer Weile stotterte sie ein „Kannst du mir einen Abdruck des Originalinterviews geben? Dann glaube ich es.“

Ich habe ihr gesagt, dass ich mein Kopiergeld an der Uni nicht weiter für sie auszugeben gedenke und sie das gefälligst selber googeln soll. Da hat meine Opferbereitschaft für die gute Sache dann doch ihre Grenzen.

Sie weicht zurück, mit den Worten: „Ja, dass er schwul ist, habe ich doch gar nicht bezweifelt, nur dass er was mit Grindelwald hatte.“

Klar. Wer mich privat kennt, der weiß, dass ich ein absurd gutes Gedächtnis für Dinge habe, die irgendjemand gesagt hat, während ich scheinbar nicht zuhöre (oder mir selbst völlig sicher bin, nicht zuzuhören – bis ich den kompletten Gesprächsverlauf wiedergebe und selbst staune).
Ich weiß also ziemlich genau, was ich gehört habe, was mich aufgeregt hat und wieso mir das Ganze nicht aus dem Kopf ging.

Aber das habe ich ihr nicht mehr gesagt.

Ich habe sie geradeheraus gefragt, ob sie was gegen Schwule habe oder wieso das sonst so ein Problem für sie ist. Da hat sie nur blöd herumgekreischt, was ich mir einfallen lasse, woraus ich das jetzt schließe, was für ein nerviger Mensch ich bin und ich bin gegangen.

Sie hat mir nichts Neues über Dumbledore erzählt, Aber ich weiß jetzt einiges darüber, was sie für ein Mensch ist. Bezeichnenderweise hat niemand der drei anderen BuWis am Stand sich eingemischt…

Wie heißt es auf Facebook immer, wenn man dort jemanden blockiert? „Es tut uns leid, dass Sie diese Erfahrung machen mussten.“

Blockieren kann ich die blonde BuWi-Studentin nicht. Aber ich hoffe jetzt einfach mal, dass ich ihr nie wieder über den Weg laufe (oder, wenn ich es tue, ich sie nicht wiedererkenne). Das ist keine Person, die ich in meinem Leben haben will.

*Drary, auch DracoXHarry, HP+DM etc. notiert, sind jeweils gängige Abkürzungen in der Fanfictionszene, um zu kennzeichnen, dass es in der folgenden Fanfiction um das Pairing Harry und Draco gehen soll.

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13 Kommentare zu “Die dunkle Seite des Fangirlings?

  1. […] liegt die Lösung auf der Hand. Vor einiger Zeit hatte ich selbst ein Erlebnis in Verbindung mit Harry Potter und Homphobie – was ein klares Zeichen dafür ist, dass es immer noch notwendig ist zu zeigen, dass „Harry […]

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  2. berry sagt:

    Vielleicht hat sie dank dir etwas gelernt – dass man nachdenkt, bevor man etwas ausspricht und dass man sich nicht in seiner Selbstgerechtigkeit wälzt. Jedenfalls hat das Mädel ihre Lektion erteilt bekommen und ich bin stolz auf deine Courage 🙂

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  3. Julia sagt:

    Hey, zu deinem Kommentarproblem ist mir was aufgefallen: bei deinen Kommis wird nicht immer derselbe Nick angezeigt. Meist erscheinst du als „feuerblut“, ich habe aber auch „weltenschmiedin“ gefunden: http://juliasbuchblog.blogspot.de/2014/01/weltbild-ist-pleite.html?showComment=1389450060004#c254707883792366598 Keine Ahnung, ob dir das weiterhilft, ich kenne mich mit WordPress nicht aus (nehme an, dass du über diesen Account kommentierst), vielleicht ist es auch nur Zufall. Ich hoffe jedenfalls, dass du das Problem wieder in den Griff bekommst!
    LG, Julia

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    • Hey!
      Danke fürs Beobachten – „weltenschmiedin“ ist quasi mein Accountname, damit habe ich aber kommentiert, als ich noch keinen Privatblog auf WordPress hatte und um Verwechslungen mit fruehstuecksflocke zu vermeiden, nicht als „Weltenschmiede“ auftreten wollte.
      Seit ich diesen Blog hier habe, kommentierte ich eigentlich immer als feuerblut, weil das automatisch einen Backlink auf diesen Blog hier setzt.
      Danke, ich beobachte das mal – im Januar hatte ich mal Probleme, zu beweisen, dass „feuerblut“ mir gehört (auch nur bei Blogspot-Kommentaren) und griff zeitweise auf „weltenschmiedin“ zurück. Vielleicht kriege ich so zumindest temporär auch dieses Mal das Problem gelöst…

      Danke für deine Mühen!

      LG,
      Evanesca

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  4. Ich glaube ich hätte mir da nicht die Mühe mit dem Artikel gemacht. Etwas gesagt, ja, aber mehr auch nicht. Also Hut ab.

    Im Vergleich zu der Geschichte war die Beschreibung „das ist der komische Vogel der verpufft und dann wieder kommt“ für Fawkes echt harmlos…

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    • Naja, als ich den ausgedruckt habe, hatte ich noch den Rest von Hoffnung, dass es hier tatsächlich um das Verwechseln von Fakten geht – nicht um willentliches Verdrängen.
      Und ich wollte das Ganze auf der sachlichen Ebene regeln, ohne persönliche Angriffe.

      Die Geschichte mit Fawkes kenne ich gar nicht, hast du einen Link dazu?

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      • Die Geschichte ist mir am Wochenende erst bei der Harry Potter Ausstellung in Köln passiert, da gibt es noch keinen Link zu. 😀

        Wir standen vor der Fawkes-Figur/Puppe/was-auch-immer und ein Mädchen ging hinter uns lang und beschrieb ihn dann auf diese Weise einer Freundin. Wir haben uns nur fragen angeguckt und die, mit der ich da war hat dann versucht, dass Mädchen aufzuklären. 😀

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        • Aaaah *g*

          Ach jeee! Da merkt man, dass Kinder heutzutage keine Ahnung haben, was ein Phoenix ist.
          Wobei ich, um der Wahrheit die Ehre zu geben, wusste was ein Phoenix ist, weil ich als Kind „Conan the Adventurer“ geschaut habe (http://en.wikipedia.org/wiki/Conan_the_Adventurer_%28animated_series%29#Heroes – ich glaube, das wurde in Deutschland nie ausgestrahlt, hab jedenfalls keinen deutschen Titel für die Serie gefunden, die ich als Kind auf Ukrainisch schaute, was bedeutet, dass ich höchstens die Hälfte verstand…).
          Ich fand da den Phoenix immer besonders cool und bin dann auch mit den Worten „Ich bin ein Phoenix, ich kann in flachen Oberflächen verschwinden!“ durch die Wohnung gerannt als Vierjährige.
          Aber es wird für das Mädchen eine Bereicherung sein, die Wahrheit über Fawkes zu erfahren 🙂

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  5. Carmilla DeWinter sagt:

    Wow. Ich ziehe meinen Hut vor deinem Engagement.

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    • Wenn jeder Mensch einfach mal dagegen ansprechen würde, wenn Diskriminierung vor der eigenen Nase unbewusst stattfindet, gäbe es längst keine Diskriminierung mehr.
      Ich finde, jedes Engagement zählt und ich mache, was ich kann. Was leider wenig genug ist, aber besser als nichts.

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  6. Auweia – da hattest du wahrlich ein unschönes Erlebnis 😦

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