Conlanger-Basics – Teil 2 – Mit Hilfe der Wissenschaft

Der kleine Conlang-Guide auf meinem Blog geht weiter – in Teil 1 habe ich über meine persönlichen Hintergründe geplaudert und erklärt, wie ich zum Conlang komme, wie lange ich das schon mache und was es mit dieser Leidenschaft auf sich hat. Außerdem habe ich meine liebsten Anfängerfehler – alle von mir selbst mal begangen – in eine „Don’ts“-Checkliste verwandelt. Heute gebe ich ein paar Tipps zum Arbeiten mit Hintergrundliteratur und stelle die Bücher vor, mit denen ich selbst gearbeitet habe.
Vorneweg gesagt: Jedes dieser Bücher habe ich im Laufe meines Studiums für mein eigenes Geld erworben. Ich kriege kein Geld dafür, dass ihr auf die Links klickt und ich kriege kein Geld dafür, dass ihr eins davon kauft. Die Links dienen ausschließlich als Leserservice. Ich verlinke dabei soweit möglich auf den verlagseigenen Shop, da ich euch im Zweifel die Entscheidung überlassen möchte, wo ihr kauft.

Braucht man das unbedingt?

Nicht zwingend. Wie ich in Teil 1 erwähnt habe, kann man theoretisch auch ohne großes Hintergrundwissen zu realen Sprachen sehr viel erfassen. Wer sprachbegeistert ist und Fremdsprachen intuitiv auffasst, wird ganz von selbst ein gewisses Gefühl dafür entwickeln, was in einer Sprache funktioniert und was nicht oder nach welchen Regeln eine Sprache funktioniert. Diese Regeln werden dann unbewusst beim Erstellen eigener Sprachen angewendet und fallen unter den gesunden Hausverstand.

Dazu gehört ein Tipp, der das Sprachbasteln stark erleichtern kann und viel Herumgesuche in Tabellen erspart – die Arbeit mit Wortfamilien. Erfindet man beispielsweise ein Wort für >Liebe<, dann kann man in einem Aufwasch auch gleich das Verb >lieben<, das Adjektiv >liebevoll< und vielleicht einige passende Komposita mit bereits festgelegten Worten bilden. Auf diese Weise füllt sich auch das Wörterbuch sehr schnell, denn mit jedem einzelnen Wort, das man mühsam neu erfinden muss, entstehen gleichzeitig drei oder vier weitere Wörter. Mit denen kann man dann wunderbar weiterarbeiten und natürlich auch mehr Sätze und Wendungen bilden.

Und wenn man nichts mit Sprache studiert hat, keine Ahnung von Sprachen hat, aber Spaß am Entwickeln hätte und gerne würde?

Diese Frage erreichte mich in mehreren Variationen.
Wer keinen Spaß an der Sprache und kein natürliches Sprachgefühl hat, wird nie auf die Idee kommen, eine Sprache zu basteln – aus dem einfachen Grund, dass es einem Menschen ohne ein gewisses Faible und eine Leidenschaft für Sprachen schlicht keinen Spaß machen würde und ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand bereitwillig eine Tätigkeit auszuüben versucht, die nur Frust bereitet.
Ansonsten gibt es außer dem obigen Tipp mit den Wortfamilien einen einfachen Tipp, für den der Grammatikunterricht in Deutsch und Schulenglischwissen völlig ausreicht.
Man schaue sich Deutsch und Englisch an. Was sind die Gemeinsamkeiten? Was sind die Unterschiede? Was ist das Besondere an den Wörtern im Englischen und wieso ist das besonders im Vergleich zum Deutschen? Was fällt bei der Grammatik und der Rechtschreibung auf? Was bei der Aussprache?
Das funktioniert natürlich mit jedem beliebigen Sprachpaar, sofern man eine zweite Sprache auch nur halbwegs beherrscht. Selbst für Sprachbastler mit Problemen in Deutsch und/oder Englisch schälen sich bei einer flüchtigen Betrachtung faszinierende Eigenheiten heraus – es ist nicht schwer und man braucht keinen Bachelortitel dafür. Ich habe schon Sprachbetrachtungen dieser Art mit Grundschulkindern besprochen und es ist erstaunlich, wie viel ihnen auffällt und welche Fragen sie stellen :).
Also nur Mut – einfach probieren und scauen, wie weit man kommt und was man herausfindet!

Wer sich wissenschaftlich weiterbilden möchte

Wer eine Sprache studiert, bekommt in den Einführungsveranstaltungen automatisch ein mächtiges Werkzeug an die Hand – nämlich Einführungen in die Linguistik.
Eine solche sehr einfache Einführung gibt es für Englischstudenten, beispielsweise „Introduction to English Linguistics“ von Markus Bieswanger und Annette Becker. Hier erfährt man in vergleichsweise kurzen, anschaulichen und übersichtlichen Kapiteln, was die Grundlagen einer Sprache bilden – anhand der englischen Sprache. Es deckt die wichtigsten Bereiche – Phonologie/Phonetik (Ausspracheregeln, Laute), Morphologie (aus welchen Bestandteilen setzt sich ein Wort zusammen?), Syntax (Satzbau), Semantik (die diversen Facetten der Wortbedeutung), Pragmatik (alles rund um Kontext, übertragene Bedeutungen etc.) und Soziolinguistik (Sprache und Gesellschaft). Mit anderen Worten: Es deckt die wichtigsten Aspekte ab, die man auch beim Basteln einer Sprache beachten sollte:

  • Wie werden die Worte ausgesprochen?
  • Wie werden neue Worte gebildet?
  • Wie werden Sätze gebildet?
  • Was bedeuten die Wörter und Sätze?
  • Feste Wendungen und z.B. deiktische Zusammenhänge
  • Sprache als Abbild einer (im Falle von Conlang erfundenen) Gesellschaft

Jedes andere Werk, das diesen Überblick bietet – egal ob für Englisch, Deutsch oder Mandarin – ist geeignet, da neben konkreten Beispielen und Erklärungen zur Zielsprache dabei auch sehr viel Überblickswissen vermittelt wird. Ein Sekundärwerk kann dadurch helfen, das Konzept „Sprache“ an sich bewusster zu verstehen und erleichtert damit das Arbeiten.
Wenn ich weiß, warum ein Prinzip in lebenden Sprachen so und so funktioniert, kann ich das Prinzip nämlich einfacher auf eine erfundene Sprache überarbeiten. Ohne ginge es auch – aber fällt tendentiell schwerer.

Wer sich weiter informieren will, kann sich das anspruchsvollere „Descriptive Linguistics“ anschauen (oder ein vergleichbares Werk zu jeder beliebigen anderen Sprache außer Englisch). Hier gibt es wesentlich kleinschrittigere Informationen zur Funktionsweise von Grammatik an sich und interessante Einblicke in Forschungen zu Dingen wie „Nullgrammatik“ (die Vermutung, dass alle menschlichen Sprachen sich auf eine Nullgrammatik zurückführen lassen, mit der dann jede beliebige mögliche Sprache beschrieben werden kann) – die für Conlanger besonders interessant und wertvoll sein dürften. Mich haben diese Einblicke auf alle Fälle sehr inspiriert.
Außerdem beinhaltet dieses Buch eine kleine Sprachgeschichte (rund 50 Seiten), mit deren Hilfe man erste Einblicke in Sprachentwicklung und die Grundmechanismen dahinter erhält. Auch das ist ziemlich nützlich, da diese Mechanismen sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen lassen und man damit als Conlanger sehr gut arbeiten kann. Übrigens nicht nur für High Fantasy und eigene Welten.
Man schaue sich beispielsweise auch Near Future Science Fiction an und stelle sich vor, wie eine beliebige Sprache im Laufe von 50 Jahren möglicherweise gealtert sein könnte – und schreibt ein Buch, in dem diese Aspekte eine Rolle spielen.

Ich empfehle aber grundsätzlich einem wissenschaftlich interessierten Conlanger, auch eine Sprachgeschichte zu konsultieren. Ich habe nur gerade keinen Link zu einer konkreten Sprachgeschichte zur Hand, aber ein komplettes Buch ist immer ausführlicher und informativer, als ein 50 Seiten langes Unterkapitel in einem Linguistik-Buch. Einfach weil dort die Mechaniken noch mal kleinschrittiger erklärt sind und darum besser für praktische Arbeiten geeignet sind.

Außerdem finde ich persönlich dieses Büchlein nützlich – den „Phonetic Symbol Guide„. Es enthält schlicht und ergreifend sämtliche Lautzeichen, die in der Linguistik so verwendet werden und ihre Bedeutungen bzw. Regeln zur Aussprache und Verwendung. Hier kann man sowohl stöbern als auch nachschlagen. Wenn ich über Laute in meinen Sprachen nachdenke, ist das immer irgendwo in greifbarer Nähe.

Das waren meine liebsten Nachschlagewerke zum Conlangen – wenn auch nicht die Einzigen, die ich besitze. Besteht Interesse daran, dass ich auch meine anderen Bücher verlinke? Habt ihr Fragen, die hier noch nicht beantwortet wurden? Anmerkungen? Kommentare? Ich stehe Rede und Antwort!

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18 Gedanken zu “Conlanger-Basics – Teil 2 – Mit Hilfe der Wissenschaft

  1. Die Kommentare mit den Tipps sind sehr spannend! Das mit den Verlagsseiten mache ich auch – schön, das mal zu lesen 🙂 Ich finde, die Verlagsseite ist die zuverlässigere Quelle und man kann weiterstöbern 🙂

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    1. Genau. Vor allem aber ist es mir wirklich wichtig, keinen bestimmten Shop aufzudrängen. Es gibt Leute, die aus Prinzip nicht bei Amazon kaufen (wollen) beispielsweise. Außerdem gibt es in der Regel die meisten Hintergrundinfos auf den Seiten der Verlage :).
      Schön, dass ich nicht allein mit der Taktik bin 🙂

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  2. Also ich gehöre wohl zu denen, die nie (?) auf die Idee kämen, eine eigene Sprache zu entwickeln. ABER ich finde es höchst spannend, mich darüber zu informieren. Und Deine Beiträge sind so, dass auch ich verstehe worum es geht. 😉 Gerne mehr davon!

    Liebe Grüße, Nicole

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    1. Mir gefällt das Fragezeichen hinter dem nie :).
      Ne, ich verstehe durchaus, dass das nicht für alle Autoren etwas ist. Ich habe einfach von Kindesbeinen an gerne an Sprachen gebastelt :).
      Und ich finde es schön, dass dir die Beiträge gefallen!
      Es gibt noch einen dritten Teil (morgen), danach weitere Teile, sobald genug Fragen oder Kommentare zusammenkommen, zu denne ich bloggen kann 🙂

      LG,
      Evanesca

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  3. Oh man, meine Lektorin wäre hin und weg von dir – sie ist selbst Linguistin und stellt mir oft ziemlich fiese Fragen bezüglich der, ähm, Sprache, in meiner Welt. Super Artikel, danke dir!
    (Ich hatte das ja mal im Studium, aber ich gestehe, die sprachwissenschaftlichen Seminare hab ich etwas verdrängt…)

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    1. Wäre sie? 😀
      Linguisten sind die besten Lektoren, finde ich. Einfach weil sie auf eine ganz andere Art und Weise auf solche Dinge schauen können ❤
      Freut mich, dass der Artikel gefällt!
      (Ich habe die Seminare am Meisten geliebt, aber damit war ich eher eine Ausnahme, fürchte ich 😀 )

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  4. Ich möchte noch zwei deutschsprachige Literaturtipps anfügen:
    – Eine gute Einführung bzw. ein guter Überblick für und auf Deutsch bietet der „Grundkurs Sprachwissenschaft“ von J. Volmert.
    – Und wer schon über Vorwissen verfügt und Spass an allerlei kuriosen Fakten rund um Sprachen hat, dürfte „Seltsame Sprache(n): Oder wie man am Amazonas bis drei zählt“ von F. Schweizer mögen.

    LG, Julia

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  5. Von Asya Pereltsvaig gibt es noch Languages of the World, das sich m.E. an „fortgeschrittene Anfänger“ richtet, also eher für Zweitsemester als Erstsemester geeignet. Ich fand es insgesamt sehr gut lesbar und mit um die 300 Seiten ist es auch nicht allzu lang. Das Buch führt in das Thema Typologie ein, wobei jeder Sprachregion ein Kapitel gewidmet ist und darin typische Eigenschaften der Sprachfamilien in dieser Region überblicksweise behandelt werden. Gut geeignet, um den Blick zu öffnen für das, was über „Standard Average European“ hinaus geht, und vielleicht auch selbst weiter Bücher zu wälzen, um mehr zu erfahren. In der Vergangenheit wurde auch immer wieder Describing Morphosyntax von Thomas E. Payne empfohlen, was aber m.E. nicht als Einführung in die Linguistik eignet, sondern eher für Fortgeschrittene und eher zum punktuellen Nachschlagen als zum regulären Lesen. Gut ist, dass es sehr viele Beispiele enthält zu allem möglichen, was die Sprachen der Welt so an grammatischen Kategorien markieren. Wenn man sich für ernsthaft Linguistik interessiert, wird man – wie bei anderen Wissenschaften – so oder so an englischer Fachliteratur nicht vorbeikommen.

    Schon alt aber vielleicht nicht unnütz als Einführung für Anfänger im Sprachenbasteln ist das Language Construction Kit von Mark Rosenfelder und das komplementäre How to Create A Language von Pablo David Flores. Von Jan Strasser gibt es außerdem noch das Sprachenbastler-Tutorium, das er vor einigen Jahren für Weltenbastler.net geschrieben hat, wenn ich mich richtig erinnere.

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    1. Danke für die zahlreichen Buchtipps!
      Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass bisher alles, was ich gebastelt habe, im Bereich „indogermanisch“ angesiedelt war (was bei einer meiner Sprachen tatsächlich auch von der Story her Sinn macht, aber nicht bei allen).
      Überblicksliteratur zu allen möglichen Sprachen und Sprachfamilien würde mich auf alle Fälle interessieren, danke.

      Ein ad ovo Tutorium ist bestimmt auch für die Leser dieses Artikels interessant (ich bin ja schon weiter, ich fülle die Sprache nur noch mit Leben und ergänze gelegentlich grammatische Formen, die ich bisher einfach nie benötigt habe…). Ich habe direkt reingeschaut – da gibt es auch für mich alten Hasen noch was zu entdecken. Danke fürs Verlinken. Ich stöbere gerade eifrig in den Sachen herum und schaue mir Dinge an… 😀

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      1. Oh, und für alle Fans von Game of Thrones, Defiance und The 100 wird es ab Ende diesen Monats The Art of Language Creation von David J. Peterson geben. Peterson beschreibt darin seine eigenen Erfahrungen als Conlanger, besonders in Hinblick auf die Fernsehserien, für die er in den letzten Jahren Sprachen erfunden hat (z. B. Dothraki). Zumindest nach dem, was ich vorab im Internet gesehen habe (z. B. hier bei Gretchen McCullogh), gibt er wie Rosenfelder, Flores und Co. auch eine kleine Einführung in das Thema Linguistik anhand seiner Sprachen. Hört sich auf jeden Fall unterhaltsam an, wenn man sich für Sprachen interessiert. Das Buch ist allerdings auch wieder auf Englisch.

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        1. Danke für die Ergänzung!
          Mich interessiert immer, ob es einen Unterschied zwischen „Sprachen für das Fernsehen“ und „Sprachen für Bücher“ gibt bzw. ob es auch einen Unterschied macht, wer die Sprache ausarbeitet (also ob der Buchautor selbst oder bei einem Film eben nicht der Hauptideengeber, sondern ein „angestellter“ Linguist).

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    1. DAS sollte ich mir endlich anschauen. Das und die deutsche Sprachgeschichte, die ich noch in meinem Regal habe. Klingt kurios, aber ich finde, man kann nicht genug Sprachgeschichten lesen, wenn man schon welche zur Hand hat. Und wenn die beiden auch noch gegenteilige Theorien postulieren, umso besser. Vielfalt beim Selbstbasteln 😀

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