Conlanger-Basics – Teil 3 – Praktische Tipps

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15. September 2015 von Evanesca Feuerblut

In Teil 1 habe ich erzählt, wieso ich überhaupt conlange. In Teil 2 habe ich die Werke vorgestellt, mit denen ich arbeite und erörtert, wieso die Wissenschaft beim Erfinden eigener Sprachen helfen kann. Hier würde ich euch unbedingt empfehlen, in die vielen verlinkten Bücher und Webseiten in den Kommentaren reinzuschnuppern! Diese Tipps sind Gold wert und die meisten davon kannte ich selbst noch gar nicht.

Heute gibt es ein paar handfeste Praxistipps von mir, die ich mir im Laufe der Jahre erarbeitet habe. Sie werden vermutlich nicht für alle funktionieren und wer bereits eine eingearbeitete Routine beim Sprachbasteln hat, braucht sie nicht. Aber als Anregung für Neulinge sind sie hoffentlich geeignet.

Erste Schritte – die Schrift

Ich habe keine Ahnung, wieso und ob das richtig oder falsch ist, aber das Erste, was bei mir vorhanden ist, ist immer eine Schrift. Früher habe ich dabei – aus Mangel an Ahnung – ausschließlich alphabetische Schriften erschaffen, mit Vokal- und Konsonantenzeichen, wie wir sie aus den meisten europäischen Sprachen gewohnt sind. Meine alten Schriften schreiben sich alle ganz konservativ von links nach rechts und alle Buchstaben sind sorgfältig aufgelistet.
Die Schrift unten hat zusätzliche Zeichen für doppelte Konsonanten (wodurch der Vokal davor verkürzt wird, meistens an einem zusätzlichen Punkt/Kringel zu erkennen), zusätzliche Zeichen für die Kombination aus i und einem weiteren Vokal (wie in der Schreibweise Iosua), getrennte Zeichen für das gezischte und gesummte S sowie eine Art „th“-Laut. Es bildet im Prinzip die Vorstufe zu der Schrift, die ich auch für die Trilogie verwende (was genau ich an der Schrift geändert habe, verrate ich aber an dieser Stelle nicht) und entstand um 2006/2007 herum.

Inzwischen teilweise verworfenes und in großen Teilen umgebautes Conlang von 2007

Inzwischen teilweise verworfenes und in großen Teilen umgebautes Conlang von 2007

Aus irgendeinem Grund hatte ich es übrigens schon immer mit Zusatzzeichen für doppelte Konsonanten, die waren nämlich auch in meinen ersten Conlang-Versuchen aus der Kindheit vorhanden. Auch einige der damals verwendeten Zeichen habe ich vermutlich recycelt, habe aber von der damaligen Schrift leider keine Scans.

Inzwischen weiß ich, dass es mehr gibt, als nur die klassischen Alphabetschriften.

So habe ich ein Schriftensystem entwickelt, das ohne Vokalzeichen auskommt, eins, das auf Lautschrift basiert und bei dem es genauso viele Zeichen wie mögliche Laute gibt (wofür ich erst das Lautesystem ausarbeiten musste – man merkt, ich war älter und erfahrener) und mehrere Silbenschriften.

Woran ich mich bisher nicht herangetraut habe, sind Bedeutungsschriften (jedes Zeichen entspricht einem Laut UND einer Bedeutung) wie im Japanischen – hier müsste ich ungefähr 1000 Wörter auf einen Schlag festlegen und zwar samt Schriftzeichen und zu jedem Schriftzeichen dann eine Geschichte haben, wieso das Zeichen für dieses Wort genau so und nicht anders aussieht. Pronomen, Bindewörter und was es alles nicht an Wortarten Denkbares gibt inklusive.  Im Moment empfinde ich das noch als zu komplex, auf lange Sicht würde ich aber gerne so eine Sprache basteln – allerdings erst, wenn ich selbst mehr über solche Sprachen weiß.

Kleine Inspirationsanregung: Schaut euch exotische Schriftbilder an. Da es hierbei nicht um Wissenschaftlichkeit, sondern um Inspiration geht, empfehle ich hier Wikipedia und Wikimedia Commons als Anlaufquelle. Schaut euch beispielsweise die Keilschrift an. Oder das tolle Schriftbild von Sanskrit. Sind sie nicht wunderschön? (Okay, jetzt klinge ich wie Hagrid, der euch gerade eine Monsterspinne präsentiert. Sorry.)

Schriften entwickle ich übrigens weiterhin auf Papier – einfach weil meine digitalen Conlang-Schmierereien oftmals schlicht unesthätisch sind und ich auf Papier da sauberer arbeiten kann. Da rettet bei diesem aktuellen Schriftpröbchen auch die violette Hintergrundfarbe nichts daran, fürchte ich. Da ist das Handschriftliche viel hübscher 😉

Eine Wiedergabe eines amerikanischen Namens mit selbstkreierten Zeichen

Wiedergabe eines amerikanischen Namens

Handschriftliche Probe der gleichen Schrift

Handschriftliche Probe der gleichen Schrift – einige Zeichen stimmen sogar in beiden Schriftproben überein.

Wenn ihr nicht gerade ein Graphictablet euer Eigen nennen könnt, würde ich euch auch empfehlen, das Schriftbild händisch auszuarbeiten. Das gibt außerdem ein gewisses Gefühl dafür, ob man das überhaupt sinnvoll schreiben kann. Wenn ihr daran scheitert, werdet ihr keine Freude daran haben, damit zu arbeiten.

Schriftbild ist übrigens nicht gleich Schriftbild. Überlegt euch, was für die von euch angedachte Kultur überhaupt Sinn macht. Worauf schreiben sie? Was passiert mit den Texten – werden sie laut vorgelesen oder überwiegend still rezipiert? Schriften, die eine Vorlesekultur als Hintergrund haben, kommen beispielsweise oft ohne Vokale und Satzzeichen aus. Schriften, die überwiegend still gelesen werden, sind dagegen anders angelegt. Hier steuern Vokale und Satzzeichen weitaus gezielter die Rezeption. Und es gibt Zwischenschritte – das moderne Hebräische kommt zwar nach wie vor weitestgehend ohne Vokale aus, aber beinhaltet durchaus kleine Zeichen, die den fehlenden Vokal andeuten und nutzt Satzzeichen. Das alte Hebräisch, wie man es heute noch auf Thorarollen findet, dagegen verwendet nichts davon und man braucht als Vortragender Einiges an Konzentration, um in dieser fortlaufenden Textwurst nicht unterzugehen.

Und manche Sprachen kommen ganz ohne Schriftbild aus, weil sie nicht geschrieben werden.

Wenn die Schrift dann da ist – Tipps aus dem eigenen Erfahrungsschatz

Ich lege möglichst früh fest, was ein Verb alles kann und wie es dabei aussieht – also die Konjugationen. Dabei versuche ich, vorerst bei einigen wenigen Konjugationen zu bleiben. Die Sprache für meine Trilogie hat beispielsweise nur eine – plus eine, die quasi als Hintergrundecho in manchen sehr alten Wörtern noch als Nachhall zu spüren ist. Zu viele Konjugationen schaffen anfangs nur ein großes Durcheinander – eine Sprache erfindet sich aber nicht mal eben innerhalb von zwei Stunden, hier ist Geduld angesagt. Gleich zu viele Formen anzulegen, hemmt den Prozess eher.

Außerdem habe ich so früh wie möglich festgelegt, welche und wie viele Zeitformen ich brauche und ob ich mit zusammengesetzten Formen arbeiten möchte (Verb + Hilfsverb) oder alles aus der Wortendung erschließbar sein soll. Viele Sprachen haben eine Mischung aus beiden Varianten, was die Zahl der möglichen Endungen stark verringert, beispielsweise das Französische.
Ich halte es hier so, dass ich mich auf die Zeitformen beschränke, die ich für das Schreiben von Texten in der fiktiven Sprache benötige. So arbeite ich sehr, sehr gerne Sakraltexte, „aus alter Zeit erhaltene Briefe“ oder „Tagebucheinträge“ aus und schaue, welche Wörter und welche grammatikalischen Strukturen ich dafür überhaupt brauche – und die erfinde ich dann auch.

Es gibt mehr Genera Verbi als nur Aktiv und Passiv – sondern so manchen faszinierenden Zwischenschritt und Einiges an Zwischentönen (man denke an das altgriechische Medium und die lateinischen Deponentien). Man kann also auch hier ein wenig spielen, statt einfach das aus dem Deutschen, Englischen und Französischen bekannte System zu übernehmen.

Die ersten Formen eines Substantivs, die man anlegen sollte, wären zusätzlich zur Grundform eine Pluralform und  irgendeine besitzanzeigende Form – da dies schlicht und ergreifend die häufigsten und wichtigsten Anwendungen sind. Andere Formen können dann bei Bedarf dazugebastelt werden.
Auch hier muss man nicht von den deutschen vier Fällen ausgehen. Im Lateinischen sind es bereits fünf plus einige Überreste nicht mehr wirklich verwendeter Fälle, im Russischen sind es sechs. Finno-Ugrische Sprachen kommen auch gerne mal mit 24 Fällen daher (viel Spaß beim Erstellen der Tabellen…)
Romanische Sprachen haben meist gar keine Fälle – wer eine Sprache anhand eines romanischen Vorbildes nachmodelieren will, muss sich hier also etwas anderes einfallen lassen.
Ein netter Überblick findet sich hier.

Das war es erstmal mit Teil 3 – dieser Blogpost ist mal wieder länger geworden als geplant, sodass es auf alle Fälle noch einen vierten Teil braucht, damit ich euch alles erzählen kann, was ich euch ursprünglich erzählen wollte.
Ich hoffe, ihr fandet auch diesen Teil hilfreich und stellt bitte eure Fragen oder postet Anregungen in die Kommentare, damit macht ihr mich zu einer glücklichen Bloggerin!

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20 Kommentare zu “Conlanger-Basics – Teil 3 – Praktische Tipps

  1. Evy sagt:

    Spannend. Auch wenn ich den Text etwas komplizierter als Teil 1 und 2 fand, ist es immer noch.. spannend!

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    • Wenn etwas unklar ist, erkläre ich auch gerne noch mal :). Das Problem ist natürlich, dass ich quasi in dieser Conlang-Atmosphäre lebe und atme, da fällt es mir manchmal sehr schwer, mich wirklich einfach auszudrücken.
      Wenn also irgendwas zu verschwurbelt ist – Riesensorry! Einfach fragen 🙂

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  2. […] auf Anfängerfehler ein, in Teil 2 gibt es wissenschaftliche Hintergründe für Sprachbastler, in Teil 3 gibt es praktische Tipps rund um Schriftsysteme und in Teil 4 schließlich gibt es noch einmal […]

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  3. Jenny sagt:

    Ich habe als Jugendliche oft und gerne Geschichten geschrieben, und mir für eine auch mal eine eigene Sprache mit Schrift ausgedacht. Aber natürlich nicht so wissenschaftliche wie du es hier ausführst, das waren einfach Zeichen + vereinfachte deutsche Grammatik.
    Danke für den tollen Artikel, es macht mir immer viel Freude darüber zu lesen wie du Welten entstehen lässt (auch wenn ich leider nicht oft nützliche Kommentare beisteuern kann)

    LG

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    • Dann bin ich nicht alleine mit ungewöhnlichen Jugendhobbies in diese Richtung 😀 *freu*
      Klar, als Teenager habe ich auch noch nicht so wissenschaftlich gearbeitet. Das kam später, als ich feststellen musste, dass alles, was ich lerne, irgendwie hilfreich ist für sowas :).
      Awww, ich würde mich aber über Kommentare freuen und wenn es einfach nur ein „Daran hätte ich nicht gedacht“ oder „Das habe ich früher auch so gemacht“ ist :).

      LG,
      Evanesca

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  4. Ich finde beim Sprachen-erfinden immer wieder spannend, wie verschieden doch die Sprache, die es auf der Erde gibt, schon sind. Immer wieder kann man etwas neues entdecken, das man dann in seine erfundenen Sprachen einbauen kann. Mein neuestes sind die Tempus-Markierungen an Substantiven, mit denen man ausdrücken kann, dass ein Objekt entstehen soll oder mal etwas gewesen ist.
    Um eine eigene Schrift zu erfinden, war ich bisher immer zu faul und haben einfach die Lateinische – bei Bedarf mit Diakritika – genommen. Wenn man dann am Computer einen Text schreibt, hat das definitiv Vorteile. Aber wenn die Welt, an der ich gerade arbeite, sich so weiterentwickelt wie bisher, wird bestimmt irgendwann auch eine eigene Schrift hinzukommen. Hauptsächlich nutze ich die Sprachen momentan, um mir Namen von Personen und Orten auszudenken.

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    • Jetzt staune ich, weil mein Weg über die Schriften scheinbar tatsächlich relativ exotisch zu sein scheint :O
      Aber ja, es ist wirklich spannend. Ich kenne bisher relativ wenig – aber was ich mitbekomme, fasziniert mich immer unglaublich… und inspiriert mich 🙂
      Tempusmarkierungen am Substantiv? Welche Sprache hat denn sowas Cooles? 😀
      Okay, da muss ich dazusagen, dass ich wirklich lange Texte in Conlang immer per Hand schreibe und auf dem PC immer nur sehr kurze Sätze (wenn nicht gar nur einzelne Wörter) mit lateinischen Zeichen umschreibe. Wie ich das auf Dauer löse, weiß ich noch nicht. Aber auf die Weise gibt es immer nur Scans (andererseits kann ich so immer Zwischenschritte rekonstruieren).
      Ich habe mir soeben deine Welt angeschaut… Da ist Liebe zum Detail drin :O. Wow!

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      • Die Sprache, von der ich weiß, dass sie Tempusmarkierungen am Substantiv hat, ist Guaraní. Da bin ich durch Zufall drauf gestoßen, weil ich mich mit ner Freundin treffen wollte und sie sich an der Uni noch einen Vortrag anhören wollte, und da ging es genau darum. Manchmal sind es eben die Zufälle, durch die man sowas findet:-)
        Ich habe mir vorgenommen, wenn ich eine Schrift entwickele, dann bastel ich mir auch gleich die zugehörigen Fonts, damit ich die am Computer nutzen kann. Meine Handschrift ist ja so schon völlig unleserlich, und in einer erfundenen Schrift würde ich wahrscheinlich nach zwei Tagen selber nicht mehr verstehen, was ich geschrieben habe. Wobei, Freunde von mir haben schon gefragt, ob meine Handschrift eine andere Schrift als lateinisch ist…

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        • Stimmt, es sind eigentlich fast immer Zufälle… ABer das sind dann die besten Funde!
          Fleißig – ich muss zugeben, dass ich zwar auch kurz daran gedacht habe, mir Fonts zu machen, aber spätestens als ich feststellte, dass meine bisherigen Schriften alle mehr Zeichen hatten als das lateinische Alphabet (und in einem Fall zwar weniger, aber dafür andere), habe ich es aufgegeben ^^.
          Ich schreibe übrigens inzwischen leicht schräge Druckschrift, wenn ich mal händisch schreibe xD

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  5. Spannend, ich bin bisher gar nicht auf die Idee gekommen, meinen Sprachen eine extra Schrift zu basteln. Da ich sie nur zum eigenen Vergnügen mache und kein irgendwie relevanter Kontext dazu besteht, war mir Schriftlichkeit nie wichtig, da ist mir mein Wirrwar aus lateinischem Alphabet und phonetischen Zeichen völlig ausreichend. Aber mich hat schon immer vor allem interessiert, wie eine Sprache funktioniert, wie sie aufgebaut ist. Entsprechend ist mein primäres Ziel beim Sprachbasteln die Grammatik, da kann ich ganze Konjugationssysteme für zig verschiedene Verbformen entwickeln, ohne ein einziges Verb mit konkreter Bedeutung zu haben. Der Wortschatz kommt dann erst nach und nach, aber auch da sind mir dann Sprachfamilien, Etymologien etc. wichtiger als die konkreten Ausdrucksmöglichkeiten, die sich mit meinem Wortschatz ergeben.

    Aber es geht natürlich auch einfacher, gerade wenn man eine Sprache primär als Stilmittel für einen Roman braucht. Ein Beispiel dafür, mit wie wenig Struktur eine Sprache auskommen kann, ist übrigens Schweizerdeutsch. Das wird (in der Regel) nicht geschrieben, kennt keine Kasus, Passiv ist recht ungebräuchlich und die Verben kommen mit zwei Zeitformen aus (Präsens und Perfekt), aber ich kann aus eigener langjähriger Kenntnis bestätigen, dass man trotzdem alles damit ausdrücken kann, was im mitteleuropäischen Alltag nötig ist 😉 . Dafür gibt es eine Riesenmenge an Wörtern und Formulierungen (vor allem Adjektive und Adverben), die es im Hochdeutschen seit Jahrhunderten nicht mehr gibt, die Zeit, Umstände etc. beschreiben und für all die wichtigen Zwischentöne zuständig sind. Man kann also gut mit einer Minimal-Grammatik auskommen, wenn alles andere umschrieben wird.

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    • Echt? Meine Impulse als Kind/Jugendliche waren immer Geheimsprachen und in der Schule dann „Zettelchen schreiben, die keiner entziffern kann“, bei mir hing Conlang immer eng damit zusammen ^^.
      Ja, das ist wirklich ein wichtiger Punkt, was mit dem Conlang passieren soll. Ist es Selbstzweck (wie bei dir), Teil eines Romans (wie bei mir) oder Teil einer Fernsehserie (Klingonisch und Co.), bastelt man jeweils völlig verschieden. Fernsehsprachen müssen gut aussprechbar sein :).
      Stimmt, man kann Sprachen auch mit sehr wenig Struktur, dafür aber mit vielen Partikeln aufbauen. Das sind dann Sprachen, bei denen sich Forscher nicht einig sind, ob die gar keine oder 500 Fälle haben 😀

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  6. Bei Wikipedia gibt es eine tolle Übersichtskarte, welche Schriftsysteme wo und wie verbreitet sind: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e2/WritingSystemsOfTheWorld-de.png

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  7. Jaehwa sagt:

    Hallo,

    ich bin auch ein begeisterter Conlanger und gerne neugierig, wie andere dies spannende Feld einsehen und handhaben. Bisher mochte ich deine Einträge zu diesem Thema und freute mich, die Sicht eines Gleichgesinnten zu lesen.
    Nur bei diesem Teil 3 stoße ich mich an machen Stellen.

    Zu Schrift allgemein: Schrift ist ein Ausdruck der Sprache, aber nicht die Sprache selbst. Das kommt in deinen Ausführungen anders rüber und irritiert, wenn man keine schriftliche Sprachkultur erstellt oder man eben nicht mit Schrift anfängt. (Was ja auch sprachgeschichtlich nie so passiert ist, auch wenn das fürs Conlangen per se keine Bedeutung hat.)

    Zum einen: Das Japanische hat keine Bilderschrift. Neben den beiden Silbenschriften werden Kanji benutzt, auf die du wohl anspielst. Das ist aber keine Bilderschrift, denn die einzelnen Schriftzeichen sind nicht jeweils ein Bild. Sie bestehen aus Zeichen für semantische und phonetische Hinweise, welche nicht für das Japanische sondern für das Chinesische gelten. Die Schrift ist nicht schwierig und komplex, weil sie aus Bildern bestehen würde (was sie nicht tut), sondern weil sie – gerade für das Japanische – unabhängig von der Lautsprache ist. Das wäre auch mit dem lateinischen Alphabet schwierig und komplex, Stichwort französische Rechtschreibung.

    Und zum anderen: Deine Ausführungen über das Substantiv und die Kasus würden mich in die Irre führen, würde ich es nicht besser wissen. Zum einen: Nein, man braucht keine Genitivform des Wortes. Selbst im Deutschen gibt es genug Dialekte, die diesen Fall nicht mehr in der Deklination besitzen. Besitzverhältnisse werden dann einfach durch eine andere Konstruktion angezeigt, vielleicht mit einer Präposition. Das funktioniert exakt genauso gut. Und da liegt die Irreführung deines Textes in meinen Augen, dass es so scheint, als wäre Kasus/Deklination auf der einen Seite wichtig und man müsse sich das ausdenken und auf der anderen Seite könne man das einfach beliebig zusammenstreichen oder erweitern. Beliebig ist das nicht, die Funktion bleibt in der Sprache erhalten und weicht schlicht auf andere Mittel aus – oder sie fehlt komplett und reflektiert damit die Lebenswelt des diese Sprache sprechenden Volkes.

    Mir ist klar, dass dein Blog nicht in die sprachlichen (und lebensweltlichen) Tiefen des Conlangen geht, was auch vollkommen in Ordnung ist, aber ganz so lapidar dargestellt finde ich es, wie gesagt, stellenweise irreführend.

    Ich freue mich auf den nächsten Post!

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    • Hallo!

      Danke für die Anmerkungen – und auch für die Kritik. Da ich Autodidaktin und weder ausgebildete Germanistin noch direkt Linguistin bin (ich habe zwar „was mit Sprache“ studiert – genauer gesagt kurze Zeit Französisch und später Englisch im Bachelor auf Lehramt – bzw. studiere auch weiterhin „Was mit Wörtern“ – Komparatistik Master – , aber eben nichts SO Formalistisches) bin ich für jedes Fingergehaue in Bezug auf Terminologie ohnehin dankbar. Weil ich das Ganze wie gesagt relativ frei Schnauze mache und alle meine Systeme historisch gewachsen sind, ich jetzt aber für die Blogposts natürlich irgendwie formalisieren muss. Dass ich dann ungenau arbeite oder Termini durcheinanderhaue, war also wohl eine Frage der Zeit…

      Klar, Schrift ist ein Ausdruck der Sprache. Da ich bisher aber ausschließlich Sprachen mit Schrift gebastelt habe (ich kenne zahlreiche Conlanger, die ihre Sprachen aus Spaß erstellen, genauso wie ich Weltenbauer kenne, die ihre Welten einfach so losgelöst von Geschichten erstelle), weil alle bisher von mir erdachten Kulturen eine Schrift hatten, ist für mich persönlich die Schrift einfach wirklich das Erste, was ich erstelle. Es hat für mich also eher etwas mit persönlicher Präferenz zu tun (ich glaube, irgendwo habe ich auch dazu geschrieben, dass es sich erübrigt, wenn man eine rein mündliche Sprache bastelt) – alle meine Sprachen werden geschrieben, also brauche ich Schriften.
      Im Falle meiner Sprachen kommt hinzu: Natürlich würde ich mich freuen, wenn sie irgendwann so große Fangemeinden haben wie Dothrakisch und Sindarin, dass Menschen sie lernen und sprechen wollen. Aber im Moment gibt es die ganzen Konstrukte nur in Schriftform in den Büchern, in denen sie vorkommen.
      Ich weiß gar nicht, wieso mich bisher das Ausarbeiten von Kulturen ohne Schriftsprache nie gereizt hat. Tut es einfach nicht. Wird es vielleicht irgendwann und dann muss ich meine eigenen Prinzipien sowieso über Bord werfen. Aber im Moment können alle von mir erdachten Völker lesen und schreiben ^^.
      Man kann natürlich auch mit anderen Dingen anfangen.
      Wieso ich seit ich elf bin immer mit der Schrift anfange, weiß ich gar nicht. Da bin ich ehrlich.

      Danke für die Anmerkung zum Kanji – da habe ich wohl Blödsinn zusammengeschrieben, jetzt frage ich mich, wie ich das am Elegantesten korrigiert bekomme. Das kommt davon, wenn man etwas als „das gibt es auch noch“ erwähnen will, sich aber nicht ordentlich die Zeit dafür nimmt.

      Ja, ich habe mich missverständlich ausgedrückt. Was ich mit „Genitiv“ meinte, war: Man braucht irgendeine Art, Besitzverhältnisse auszudrücken. Zumindest ich komme ohne immer in Teufelsküche, wenn ich kurze Texte in der erfundenen Sprache schreiben will. Habe ich gleich korrigiert bzw. den missverständlichen Satzteil rausgelöscht. Ich weiß ja, was ich meine – aber intelligente Laien sollen es auch verstehen (ich schreibe grundsätzlich für intelligente Laien, andere Autoren und künftige Leser). Für mich ist es klar, dass man ein sprachliches Problem halt entweder mit einem Fall oder eben mit irgendwas anderem lösen kann, das die gleiche Funktion erfüllt. Weil ich mich seit ich weiß nicht wie lange damit beschäftige. Aber ja, wenn ich verständlich sein will, sollte ich mich genauer ausdrücken.

      Ne, die Blogposts sollen einfach einen Überblick geben, insbesondere in meine eigene Arbeitsweise (was ja sowieso was Individuelles ist) und dass man dafür nicht studierter Linguist sein muss, wenn es Spaß macht und was es alles gibt.
      Für tiefergehende Analysen anderer fiktiver Sprachen, fiktiver (Lebens-)Welten und was es so gibt, habe ich einen anderen Blog zusammen mit fruehstuecksflocke, die Weltenschmiede. Das ist dann eine ganz andere Baustelle, aber da ist natürlich kein Platz für ein „Und so mache ich es“. Das passt eher auf den eigenen Autorenblog ^^.

      Du bist immer willkommen :). Ich bin nicht perfekt und wenn niemand mir sagt, wenn ich was falsch mache, kann ich mich nicht verbessern!
      Danke für deine Anmerkungen, die ich sehr wertvoll empfand und hoffentlich bis zum nächsten Blogpost 🙂

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      • Jaehwa sagt:

        Ich helf doch gern^^ Als Schreiber weiß ich ja auch, dass man manchmal denkt, man hätte sich klar ausgedrückt, weil man weiß, was da zu stehen hat – und andere das eben nicht wissen und es daher nicht immer herauslesen können. Passiert uns allen mal.

        Zu den Kanjis: Man kann es Bedeutungsschrift nennen. (Chinesische Zeichen sind eigentlich eine syllabische Morphemschrift … ^^° Masterarbeit lässt grüßen.) Jedes Schriftzeichen hat nicht nur eine lautliche sondern auch eine inhaltliche Bedeutung, weshalb man eben für jede Bedeutung/Wort ein eigenes Schriftzeichen braucht (auch wenn’s natürlich solch eine 1:1-Entsprechung eher theoretisch gibt). Diese „Wortzeichen“ können von Bildern inspiriert sein, was aber bei Konjunktionen oder Pronomen verständlicherweise schwierig wird. Wie man die „Wortzeichen“ erstellt, ist also relativ frei, dennoch ist es klar ein aufwendiges und komplexes System, für jede Bedeutung/Wort ein Zeichen zu erdenken. Da hast du definitiv recht und ist für einen Anfänger im Conlangen wohl nur bedingt zu empfehlen. (Obwohl die Schrift meiner Sprache dieses als Rückgrat hat.)

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        • Exakt! 😀 Ich sollte mir wohl auch für diesen Blog mal Betaleser suchen bzw. jemanden bitten, drüberzugehen. Ist ein typisches Autorenproblem… 😀

          Ah, Expertenwissen also! (Ich habe meine Bachelorarbeit zum Thema fiktives autobiografisches Erinnern in Romanen geschrieben, so hat jeder Mensch seine Spezialisierungen ^^)
          Das ist eine eingängige Erklärung, jetzt habe ich es auch sinnvoll (und hoffentlich richtig) im Blogpost stehen (mit eigenen Worten). Danke 🙂
          Eben, es muss ja trotz aller relativen Freiheiten am Ende ein System dahinterstecken beim Conlangen, das am Besten einen weltenbautechnisch begründeten, historischen Prozess nachbildet, der ja eigentlich auch erfunden ist, wodurch man vom Hundertsten ins Tausendste kommt beim Weltenbau. Was ich ja mag, aber wenn ich eigentlich nur das Wort für „Brot“ erfinden wollte und am Ende bei der Bedingung der Getreideernte 500 Jahre vor der Geschichte meines Protas landte… tja :D. Ist mir nicht ganz so extrem, aber so ähnlich immer mal wirklich passiert.
          Respekt für den Ansatz! Da ist vermutlich der Expertenhintergrund mit ausschlaggebend, oder? Wenn man sich ewiglang mit so aufgebauten Sprachen beschäftigt, gibt das ein ganz anderes Gefühl dafür, vermute ich.
          (was erklären würde, wieso mein Conlang ursprünglich wie verhutzeltes Latein mit einigen hebräischen Endungen aussah, bis ich es grundlegend überarbeitet habe…)

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          • Jaehwa sagt:

            Ja, mit den Änderungen kann man das stehen lassen^^ Ist ja nicht das erste Mal, dass man das falsch liest, auch an Stellen (entsprechende Bücher), die es besser wissen sollten … Aber wenn ich schon darüber stolpere, kann ich das ja anmerken. Wofür hab ich denn sonst mein Wissen, nicht wahr?

            Es ist manchmal eben schwierig, die Grenze zu ziehen zwischen „wichtige Hintergrundgedanken für Wort X“ und „netter Ausbau der Welt aber erstmal überflüssig“. Wenn man die Wege zu kurz denkt, funktioniert es am Ende ja auch nicht richtig.
            Viel lustiger finde ich eigentlich, dass ich zumindest die eine meiner Sprachen nicht selbst aussprechen kennen. Sie hat ein sehr komplexes System von Konsonanten und ich verknote mir immer die Zunge ^^°

            Naja, ich beschäftige mich schon seit bald zehn Jahren mit ostasiatischen Sprachen (Chinesisch, Koreanisch, Japanisch). Meine Masterarbeit (Vergleicher deutscher Rechtschreibung mit chinesischer Rechtschreibung, um genau zu sein) war da mehr der letzte logische Schritt mein gesammeltes Wissen einmal richtig anzuwenden. Aber ja, auch bei mir haben die Sprachen, die ich lerne oder mit denen ich mich beschäftige, einen relativ großen Einfluss auf meine Ideen zum Conlangen. Das betrifft dann nicht nur die Schrift, sondern auch das Lautsystem oder die Verben oder die Art der Morphologie usw. Allerdings interessiere ich mich auch gerade für Sprachen, die anders als Deutsch sind: Mongolisch oder Tibetisch sind auch sehr cool.
            Der Mensch ist eben ein Gewohnheitstier und geht auch bei seiner Fantasie von dem aus, was er kennt.

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            • Klar kannst du – und anders als bei „Fachliteratur“ kann ich es dann im Zweifelsfall einfach editieren.
              Jep, und gerade wenn die Welt noch nicht fertig ist oder man merkt, dass es jetzt doch wichtig ist, das zu wissen (oder einfach das offene Ende zu schließen ^^) wird es lustig… 😀
              Okay, meine Sprachen sind fast alle unglaublich vokallastig (und die eine, die ich ausgearbeitet habe, hat glaube ich 10 Vokallaute und 5 Nasallaute, für die es jeweils ein Zeichen gibt :O ) – und wenn sie es gerade nicht sind, dann… übe ich so lange, bis ich es aussprechen kann und schockiere meine Mitmenschen. Manchmal ist ein bisschen Spaß ja auch nötig im Leben :).
              Wow, Respekt! Ich habe ostasiatische Sprachen zwar immer gemocht, aber nie aktiv was damit gemacht…
              Klar, das ist natürlich. Wenn man viel über eine bestimmte Art von Sprache weiß, dann beeinflusst es auch die eigene Fantasie.
              Für mich war Deutsch ja immer schon eine Sprache unter vielen (Muttersprache Russisch und kaum hatte ich Deutsch halbwegs verinnerlicht, fing Englisch in der Schule an, sodass ich im Prinzip zwischen dem siebten und dem vierzehnten Lebensjahr drei Sprachen gelernt habe :O ).
              Das hat sich so ergeben und irgendwie bin ich dann immer in Europa geblieben. Auch wenn ich irgendwann Hebräisch lernen möchte.
              Genau. Es hilft natürlich, so viel wie möglich zu kennen. Ich habe immer meine Conlangschübe, in denen ich besonders weit fortschreite, wenn ich eine neue Sprache lerne oder mich mit Linguistik beschäftige.

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