Conlanger Basics – Teil 4 – Vorgehensweisen damals und heute

Nachdem ich euch in Teil 1 erzählt habe, wie ich zum Conlangen gekommen bin, in Teil 2 erklärt habe, wieso Linguistik-Grundwerke nützliche Hilfsmittel sein können und in Teil 3 beleuchtet habe, wie man Sprachen aufbauen könnte und wo man zumindest meiner Meinung nach am Besten anfängt (wobei das höchst individuell ist und ihr auch gerne anders anfangen könnt!), gibt es heute einen vierten Teil.

Ich wurde gefragt, wie ich beim Conlangen vorgehe bzw. vorgegangen bin und was ich heute anders mache oder anders machen würde. Als Beispiel nehme ich – da ich mich leider kaum an meine erste Sprache „Lyerri“ erinnern kann (es ist zu lange her, ich war elf, als ich damit anfing und Lyerri ist einem Festplattencrash zum Opfer gefallen und zwar vollständig) – „Noctlang“. Eine Sprache, an der ich ungefähr seit 2006 feile und die inzwischen einen neuen Namen bekommen hat, sonst könnte ich das hier nicht so offen schreiben. Als Gegenbeispiel… das modernere Noctlang.

Noctlang – damals

Der Grund, aus dem ich überhaupt eine Sprache gebraucht habe, hat die damalige Version der Sprache stark beeinflusst – darum sollte ich auf ihn in erster Linie eingehen. Damals plante ich einen (momentan auf Eis liegenden, da nicht in meinen Canon passenden) Zweiteiler, der den Sammeltitel „Wissenschaft und Unbarmherzigkeit“ tragen sollte, in Anlehnung an den Titel eines Picasso-Gemäldes.
In Teil eins beauftragt eine Art Daywalker zwei Wissenschaftler mit der Entschlüsselung einer uralten Sprache – wie sich später herausstellt, handelt es sich dabei um die Muttersprache der Vampirin, welche die Adoptivmutter eines der zwei Wissenschaftler darstellt und die wertvolle Tipps und Quellenmaterial liefern kann, wodurch das Ganze auf ein ziemlich gefährliches Spiel hinausläuft. Was genau auf diesen Quellen stehen sollte, wusste ich allerdings zum damaligen Zeitpunkt noch nicht. Ich wusste nur, dass eine der Quellen das Alphabet beinhaltet und im Nachhinein als Lerntafel interpretiert wird, um die Schrift Anderen beizubringen.
In Teil 2 ist auch der Sohn der beiden Wissenschaftler Forscher, allerdings nicht Philologe, sondern Theologe und möchte etwas über einen geheimnisvollen Kult in Erfahrung bringen, der sich vor einiger Zeit in Tibet niedergelassen hat. Überrascht stellt er fest, dass er die Gesänge der Kultisten einwandfrei verstehen kann – denn es handelt sich bei den Gesängen um Noctlang! Als er sich dann noch in die vampirische Oberpriesterin verliebt, ist dann das Chaos komplett.

Nun „hatte“ ich diese Geschichte (von Band 1 habe ich genau ein Kapitel geschrieben, dann die Daywalker aus meinem Canon geworfen und anschließend gefühlt fünf Mal versucht, neu anzufangen, ohne dass es je für mich *Klick* gemacht hätte, von Band 2 existiert zwar ein sehr detaillierter Plot und diverse sakrale Texte, aber sonst GAR NICHTS). Wer mich kennt, wird wissen, dass ich in der Vorbereitungsphase vor dem eigentlichen zielorientierten Schreiben immer Fragmente verfasse. Es macht mich um ehrlich zu sein kirre, wenn ich keine einfügbaren Fragmente habe, bevor ich loslege. Außerdem neige ich dann dazu, mich in Nebensächlichkeiten zu verzetteln.
Da liegt es nahe, besagte Nebensächlichkeiten einfach vorher zu erledigen.
Also schrieb ich (erstmal auf Deutsch) den ersten Sakraltext zu „Wissenschaft und Unbarmherzigkeit 2“, der mit den Worten „Yell’Arine Lebensreiche, danke für den Kreis des Lebens und das Aufwachen“ beginnt, ganze vier Zeilen lang ist (die alle mit „Yell’Arine + Attribut“ beginnen) und sprachlich relativ schlicht ist. Übrigens in Anlehnung an das jüdische Morgengebet direkt nach dem Aufwachen, in dem für den neuen Tag und das Aufwachen aus dem Schlaf gedankt wird, da im Judentum davon ausgegangen wird, dass die Seele im Schlaf den Körper verlässt und man danken soll, dass sie wiedergekommen ist.

Anbei besagter Sakraltext, geschrieben mit schwarzer Tinte auf die Papprückseite eines Schreibblocks während des Lateinkurses in der Volkshochschule Chemnitz Anno 2006 oder 2007
Anbei besagter Sakraltext, geschrieben mit schwarzer Tinte auf die Papprückseite eines Schreibblocks während des Lateinkurses in der Volkshochschule Chemnitz Anno 2006 oder 2007. Zeile 1 ist länger als die Übrigen, da ich nur in Zeile 1 den „Götternamen“ ausgeschrieben habe.

Dann wurden die Sakraltexte komplizierter, vor allem aber auch länger. Ich brauchte Vokabeln (die ich recht willkürlich erfand, wo ich sie nicht aus dem Lateinischen, mir bekannten griechischen Fremdwörtern und im Ausnahmefall aus dem Russischen ableitete), ich brauchte Mehrzahlformen (die ich aus dem Hebräischen klaute) und ich brauchte ein paar Verbformen. Da ich zumindest in der Hinsicht keine halben Sachen gemacht habe, habe ich gleich die ganze Verbtabelle gebaut, obwohl ich nur die erste Person Singular und einen Imperativ benötigte. Damals mit zwei Partizip-Formen, einem Perfekt, einem Futur, einer Gegenwarts- und einer Vergangenheitsform.

Irgendwann brauchte ich noch Adjektive samt Steigerungsformen (eines der wenigen Relikte, die aus dem Ur-Noctlang überlebt haben) und Zahlen.

Fertig. Mein Gerüst war so weit komplett, mehr habe ich eigentlich bis zur großen Noctlang-Neumachung im Jahre 2011 nicht benötigt und mehr habe ich damals auch nicht geschaffen.

Warum ich eine Sprache heute nicht mehr so basteln würde: Es ist weder sehr systematisch, noch sehr schöpferisch-kreativ, wie ich vorgegangen bin. Im Prinzip war die Schrift bis auf einige tatsächlich innovative Zeichen und Zeichen für Doppelkonsonanten einfach 1:1 die lateinische Schrift mit kleinen Änderungen. Auch bei Vokabeln, Verbformen und Co. habe ich ziemlich inkonsistent geklaut und mir damals nicht die Mühe gemacht, die Wörter ausreichend zu verfremden, um wenigstens irgendeine Eigenleistung zu bringen.

Noctlang heute

Natürlich habe ich irgendwann verstanden, dass die Sprache unbrauchbar ist. Nachdem ich jahrelang keine Ahnung hatte, wo die Sprache eigentlich herkommt, die ich da geschaffen habe, habe ich irgendwann im Laufe der Jahre festgelegt, dass sie ursprünglich auch von Menschen gesprochen waren, wer diese Menschen waren, wann sie gelebt haben und wie es dazu kam, dass meine Protagonistin diese Sprache immer noch spricht. Das war sozusagen die Basis der Geschichte, die euch als [U] bzw. „Unparallel“ ein Begriff sein dürfte.

Um die Sprache für mich nutzbar zu machen und aus einem geschichtslosen Konstrukt eine Sprache zu bauen, die ungefähr so tatsächlich zu einem bestimmten Zeitraum im indogermanischen Sprachraum gesprochen hätte werden können, musste ich einiges an Zeit und Mühe investieren.

  1. Herausfinden, welche Völker zu dem Zeitpunkt in der Gegend waren und welche Sprachen sie gesprochen haben (und auch, ob diese Sprachen erschlossen sind) – so habe ich immer einen Quell für Lehnwörter, die ich anschließend plausibel verfremden und nutzen kann
  2. Herausfinden, welche Eigenschaften Sprachen zu dieser Zeit und in dieser Gegend hatten und inwiefern das Schreibmaterial sich auf die Schrift auswirkt – einige Zeichen sind nun mal nicht gut in Ton zu drücken, ohne beim Brennen zackige Ränder zu hinterlassen
  3. Meine Schrift ausmisten (ungefähr 40% aller Zeichen flogen, außerdem stellte ich fest, dass ich einen Laut doppelt hatte) und den neuen Bedürfnissen anpassen (ich brauchte ein neues Zeichen)
  4. Meine Verbtabelle von Grund auf neu schreiben (Jetzt mal ehrlich, wie kam mein Teenager-Ich auf die Idee, dass erste und zweite Person Singular die gleiche Endung haben sollen?!) – zum Vergleich: Die alte Verbtabelle enthielt 36 Formen + 2 Imperative. Die neue Verbtabelle enthält derzeit 180 Formen. (Zum Vergleich: Ein gleichmäßiges Verb hat im Deutschen, wenn ich mich nicht verzählt habe, 81 Formen) Die scheinbar absurd hohe Zahl bei mir kommt daher, dass es in Noctlang weitaus mehr Pronomen gibt, die jeweils andere Endungen erfordern.
  5. Die Pronomen an sich neu benennen und in eine Tabelle fassen
  6. Ein gut benutzbares und für mich in einer Tabelle darstellbares Fällesystem erschaffen (Ich habe keine Ahnung, wie ich vorher jahrelang ohne Fälle ODER ein gleichwertiges Äquivalent klargekommen bin! In all meinen Beispielsätzen standen alle Substantive immer in der Grundform Singular oder Plural, egal wo im Satz sie sich befanden oder welche Rolle sie spielten) – auch hier teilweise nach Bedarf, teilweise nach Sichtung dessen, was umliegende Sprachen so zu bieten hatten und was davon mir gefällt und plausibel wirkt.

Klingt, als hätte ich doppelte Arbeit gehabt, weil ich mich als Teenager beim Conlangen noch sehr dämlich angestellt habe. Ich habe aber aus meinen ersten Versuchen sehr viel gelernt. Zum Einen natürlich, wie man es nicht machen sollte. Zum Anderen habe ich aber eine erweiterte Sensibilisierung für Sprachen dabei mitgenommen. Und natürlich war unter dem vielen Vermurksten auch die eine oder andere Perle dabei, die ich so übernommen habe.
Außerdem habe ich eigentlich erst durch die Fehler in Verbindung mit zahlreichen Linguistikkursen überhaupt erst gelernt, wie man es richtig(er) machen sollte, wie man zielorientierter conlangt und worüber man im Vorfeld nachdenken sollte.
Ohne die Fehler von damals könnte ich nicht bewusst Wörter ableiten, bewusst die Schrift am Schreibmaterial orientieren, eine Schriftrichtung auswählen oder eine Sprachgeschichte als Arbeitsrichtlinie für mich selbst schreiben.

Somit bin ich für jeden Fehler dankbar, den ich je gemacht habe.

Das Wichtigste ist aber: Übernehmt euch nicht. Versucht nicht, sofort innerhalb von zwei Stunden eine komplette Sprache mit 300 Vokabeln und einer monströßen Verbetabelle auf die Beine zu stellen. Sprachen entwickeln sich im Laufe der Zeit. Das gilt auch für die, die ihr selbst erfindet.

Damit ist die Serie vorläufig abgeschlossen  – aber weitere Teile kommen bei Bedarf, falls bei mir Fragen eintreffen, die ich unbedingt verbloggen muss oder ich etwas Neues und für euch Wissenswertes gelernt habe. Danke, dass ihr dabei wart!

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