Conlang – und die unerwarteten Hürden, wenn das Internet ausfällt

Gestern Abend hörte ich an einer bestimmten Stelle auf zu schreiben und ging „Suits“ anschauen, weil ich nicht weiterkam. Aus zwei Gründen – zum einen wollte mir nicht einfallen, wie ich es vermeiden kann einen „Katalog“* zu schreiben. Vermutlich gibt es kaum etwas Langweiligeres, als eine Aufzählung aller verfügbaren Leute und deren Eigenschaften. Zum anderen fiel mir kein sinnvolles Wort für jemanden ein, der bei jemandem angestellt ist, gleichzeitig in einer Art Klientel-Verhältnis analog zum alten Rom mit jemandem steht und somit irgendwie zu der Familie „gehört“.

Heute fiel mir dann ein ich könnte das Ganze mit einem simplen „Meine [hier Name der Gesellschaftsschicht einfügen] namens XY hat mir erzählt, dass“ umschiffen. Das Possessivpronomen sagt ja bereits aus, dass es irgendeine Form von Besitzverhältnis gibt und es wird im Text selbst erzählt, dass besagte Person Geld bekommt. Alles klar.

Blöd nur, dass ich mich seit ungefähr einem Jahr davor drücke, dieser Gesellschaftsschicht einen Namen in der entsprechenden fiktiven Sprache zu verpassen. Theoretisch wäre jetzt der perfekte Moment dafür – aber dann fiel das Internet für mehrere Stunden aus (und auch jetzt funktioniert es mehr schlecht als recht) und ich kam mit meiner Art der Wortbildung in Teufels Küche.

Meine zwei Methoden, um Wörter für diese ganz bestimmte fiktive Sprache zu erhalten

Methode 1: Es gibt irgendwelche Wörter, die ich bereits erfunden habe. Aus diesen kann ich logisch ableiten, was ich brauche. Komposita („Mutter“ + „Familie“ = Familienmutter) fallen darunter, jedenfalls falls ich alle nötigen Bestandteile bereits definiert habe. Ich kann auch gut mit verschiedenen Formen und Wortarten herumspielen.
Alles kein Problem, sofern – wie gesagt – die Bestandteile definiert sind.

Methode 2: Es gibt keine bereits erfundenen Wörter, auf die ich zurückgreifen kann. Also erfinde ich welche entweder einfach so aus dem Bauch raus (das tue ich bei den meisten Verben) oder ich leite sie ab. Dabei verwende ich am Liebsten Sanskrit als Ursprungssprache oder suche nach anderen alten Sprachen, von denen es Wörterbücher im Netz gibt.
Dann schaue ich, wie mein fiktives vorantikes Volk das Ganze aussprechen würde, lasse das Wort also durch ein paar Filter gehen und baue es in mein Wörterbuch ein.

Schließlich soll meine fiktive Sprache so klingen, als könnte sie zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort, tatsächlich so gesprochen worden sein. Es handelt sich um eine fiktive indoeuropäische Sprache und so soll sie auch klingen.

Selber schuld, dass ich für Methode 2 vom Internet abhängig bin?

Ja und nein. Jetzt mal ehrlich – wer von euch hat ein Offline-Wörterbuch für Sanskrit, Sumerisch, Hethitisch und Co. im Bücherregal stehen? Einfach zu Recherche- und Schreibzwecken?

Ja genau. Ich vermute mal, niemand, der nicht auch aus irgendeinem Grund beruflich mit dem Altertum zu tun hat.

Punkt zwei ist natürlich, dass ich das Internet in der Regel überall zur Verfügung habe. Dank Google und Smartphones bin ich nicht an einen bestimmten Ort gebunden, um etwas in einer alten Sprache nachzuschlagen. Jedenfalls theoretisch.

Praktisch wird es kompliziert, wenn man – wie ich jetzt – im Ausland ist und darauf angewiesen, dass im Gasthaushalt das WLAN funktioniert. Und wenn es dann, so wie heute, für ein paar Stunden ausfällt, habe ich ein Problem.

Das hätte ich allerdings auch dann, wenn ich nicht auf das Internet zurückgegriffen hätte. Selbst wenn ich die oben genannten Wörterbücher in Druckform besitzen würde, würde ich sie wohl kaum auf Reisen mit mir führen. Habt ihr jemals ein wirklich gutes Sanskrit-Wörterbuch gesehen?

Ich schon.

Bei mir an der Uni.

Es war ans Regal gekettet, ungefähr 60 cm hoch und dreißig Zentimeter breit. Eine handlichere Ausgabe davon war etwas kleiner vom Format her, aber dafür in mehrere Bücher aufgeteilt.

Viel Spaß beim Traveling wif zä deutsche Bahn.

Oder bei Flugreisen, wo wir schon dabei sind.

Und wie arbeiteten Conlanger vor den Zeiten des Internets?

Wenn ich ganz ehrlich bin – keinen blassen Schimmer. Bei Tolkien vermute ich ja, dass er die benötigten Wörterbücher tatsächlich in analoger Form irgendwie besaß, weil er sie als Linguist auch für seine Arbeit an sich benötigt hat.

Bei anderen Conlangern vor dem Internetzeitalter weiß ich es nicht, wird aber wohl ähnlich sein. Oder sie haben ihre Sprachen so frei von Vorbildern erfunden, dass sie keine Wörterbücher brauchten.

Oder sie hatten ihre Wörterbücher im Kopf, weil sie 10 lebende und 10 ausgestorbene Sprachen beherrschten. Da muss ich noch eine Weile schuften, ich kann erst vier lebende und eine tote.

Und wie schreibe ich nun weiter?

Da ich in diesem Moment nicht übersetzen konnte, habe ich vorerst einfach das deutsche Wort in eckigen Klammern geschrieben und weitergemacht. Das Wort habe ich dann gebaut, sobald ich wieder Internet zur Verfügung hatte.

(Okay, um der Wahrheit die Ehre zu geben, bin ich genau jetzt dabei, die nötigen Wörter herzuleiten)

Wie löst ihr Rechercheprobleme, wenn das Internet auf einmal ausfällt?

*Nicht im Sinne von „Versandhauskatalog“, sondern z.B. im Sinne von „Schiffskatalog“ oder „Heldenkatalog“. Kennt ihr diese Stelle in alten Epen wie der Ilias und der Odyssee, wenn über mehrere Verse aufgezählt wird, wer alles mit von der Partie ist oder welche Schiffe von wo mit wie vielen Mannen und von wem angeführt am Strand von Troia lagern? Diese Art Katalog meine ich.

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11 Gedanken zu “Conlang – und die unerwarteten Hürden, wenn das Internet ausfällt

  1. Sanskrit, hmm, das wäre auch eine Idee gewesen. Bei mir ist Arabisch die Basis für meine Sprachen, aus dem ganz einfachen Grund, dass es im Internet recht einfach ist, entsprechende Wörterbücher zu finden und dass ich schon allein durch unterschiedliche Transskriptionen der Schrift in lateinische Schrift unterschiedliche Sprachen erhalte.
    Den größten Teil der Wörter verwende ich allerding nur für Namen (Personen, Ort, Pflanzen & Tiere etc.). Wenn ich am Schreiben bin, schreibe ich meistens das deutsche Wort in eckigen Klammern und mache dann am Ende des Schreibens eine große Übersetzungssession. Manchmal heißen meine Figuren im ersten Entwurft auch nur [HNE1] und [HNE2] und so weiter als Abkürzung für [Hier Name Einfügen].
    Dass ich das Internet zur Recherche der Wörter benutze, heißt natürlich auch, dass ich an der Sprache ohne Internet nicht wirklich arbeiten kann, aber bei mir ist die Sprache eh nur ein Aspekt von vielen und da ist es in Ordnung, wenn es Zeiten gibt, wo ich das nicht machen kann (auch wenn ich eine Liste der wichtigsten Vokabeln lokal gespeichert haben, falls ich z.B. einfach nur eine Farbe im Namen ändern will).
    Was für ein Luxus das Internet ist, wo man alle Informationen fast sofort erhält, fällt einem meistens erst dann auf, wenn es mal nicht funktioniert:-)

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    1. Sanskrit ist toll, einfach weil das als „Mutter aller Sprachen“ zum Ableiten super für meine Zwecke geeignet ist. Ich conlange ja eine indoeuropäische Sprache zusammen.
      Arabisch gibt bestimmt interessante Ergebnisse, wenn man davon ableitet. Wie lange arbeitest du damit? 🙂
      Das mit der Übersetzungssession ist aber eine sinnvolle Methode, um nicht beim Schreiben aus dem Fluss gerissen zu werden! Den Tipp merke ich mir für die Zukunft!
      Und ja, wie wichtig das Internet heutzutage ist, merkt man wirklich erst, wenn es weg ist. Weil dann alles zusammenbricht.

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      1. Der Nachteil an den Übersetzungssessions ist alledings, dass man dann am Ende, wenn man fertig ist, eine solche Session einlegen muss. Je nach Umfang des Projekts kommt es schon mal vor, dass ich mehrere Tage nur damit verbringe, z.B. die Ortsnamen auf einer Landkarte zu übersetzen. Nachdem ich das jetzt schon seit zwei Jahren immer mal wieder mache, habe ich so langsam eine gewisse Routine darin und erkenne manche Vokabeln sogar wieder. Das will bei mir einiges heißen, denn sämtliche Sprachlernversuche bei mir sind daran gescheitert, dass ich mir keine Vokabeln merken konnte. Aber das soll mich ja nicht vom Conlangen abhalten:-)

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        1. Das glaube ich dir aufs Wort :D. Gerade wenn es ein richtig toller Ortsname sein soll, wird es komplexer, oder?
          Falls es dich beruhigt, kann ich auch nur einfache Sätze bilden und schlage manche Dinge DAUERND nach. Aber das Häufigste lagert sich langsam ab. ^^

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  2. Lustig, das ist ein Problem, das ich bei meinen Sprachbasteleien nie habe. Ich habe aber auch einen anderen Zugang, mich interessiert primär die Struktur (und bis zu einem gewissen Grad auch die Geschichte) einer Sprache, der Wortschatz ist sekundär. Bei Grammatik und Phonetik lasse ich mich zwar von existierenden Sprachen inspirieren, die Vokabeln sind aber immer völlig frei erfunden, insofern brauche ich da keine Nachschlagewerke.

    Tolkien hat übrigens ähnlich gearbeitet. Die primären Versionen von Quenya sind bereits während seiner College-Zeit ab 1910 entstanden, da hätte er zwar Zugang zu entsprechenden Bibliotheken gehabt. Da es aber ausser strukturellen Anleihen an Finnisch (?) keine Bezüge zu bereits existierenden Sprachen gibt, dürfte der Grossteil ohne Naschschlagen in Büchern zustande gekommen sein (teilweise übrigens tatsächlich in langweiligen Vorlesungen 😉 ). Zudem haben seine Sprachen und seine Geschichten während der beiden Weltkriege jeweils grosse Fortschritte gemacht, da er dann nicht mit anderen Studien beschäftigt war, nur war dann der Zugang zu gutausgestatteten Bibliotheken auch nicht gegeben. Er hatte tatsächlich fast alles im Kopf, so unglaublich das für Normal-Sprachbegabte klingt.

    LG, Julia

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    1. Ja gut, Struktur und Geschichte stehen bei mir schon seit Jahren weitestgehend fest, ich baue „nur“ noch den Wortschatz aus und habe darauf dann den primären Fokus :).
      Wenn ich mich richtig an deine Kommentare zu meiner Conlang-Serie erinnere, bastelst du an deiner Sprache rein aus Leidenschaft, oder? ❤
      Und schon wieder verbeuge ich mich im Geiste vor Tolkien :O. Wow!
      Wobei ich das "Basteln während langweiliger Vorlesungen" gut kenne. Bei mir entsteht da aber eher Weltenbau, als Sprache an sich. Meine Grammatiktabellen stellte ich (zumindest für Verben) zwar während des Lateinunterrichts an der Uni zusammen, aber eher aus Inspiriertheit, weniger aus Langeweile. Latein ist so schön <3.

      LG,
      Evanesca

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  3. Bei Ausfall des Internets (und nicht nur dann) frage ich meinen Mann. Zumindest was technische Probleme angeht, konnte er mir noch immer helfen.
    Und manchmal habe ich schlicht und einfach keine Zeit oder Lust für Recherche oder will mich nicht im Schreibfluss stören lassen, und dann schallt es aus meinem Zimmer „Wie weit muss ein Armbrustschütze entfernt sein, damit der Bolzen nur mehr 2 cm tief in einen Menschen ohne Rüstung eindringt?“

    Ansonsten warte ich einfach, bis ich wieder Zugang zum Internet oder Büchern habe und helfe mir mit Platzhaltern aus. Es gab bislang keine Wissenslücke, die mich komplett vom Schreiben abgehalten hätte. Zur Not steht im Text „überprüfe Warmwasserversorgung der Römer“, und ich schreibe einfach so weiter, wie es am besten für die Story passt.

    Mit Sprachen hatte ich noch nie Probleme, die erfinde ich seit den letzten Jahren aus dem Stand und überlege nicht viel rum, allerdings komme ich mit maximal einem Dutzend fremden Wörtern aus.
    Früher machte es mir Spaß, neue Sprachen zu erfinden. Mittlerweile haben sich meine Prioritäten verschoben, und der Linguist in mir hat die Klappe zu halten 😛

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    1. Zum Thema „Antike“, „altes Rom“, „griechische Mythologie“ und alles Germanistische könnte ich auch – sofern ich gerade bei ihm oder er bei mir ist – den Liebsten fragen :D.
      Das ist dann so eine tolle Frage, die nur im Haushalt mit Autor aufkommt, oder? ❤
      Ein Dutzend? Öhm… *eigenes Wörterbuch mit 250 Einträgen anguckt* 😀
      Ich bin ganz ehrlich, 80% der Wörter werden das Innere der Romane nie sehen. Für mich ist das manchmal total Selbstzweck oder einfach ein innerer Druck. ich schreibe einen Satz auf Deutsch, in einem Dialog, und dann erfasst es mich mit unbändiger Macht, sie in die fiktive Sprache übersetzen zu müssen :O. Ich bin etwas… schräg, was das angeht.

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      1. Weder Linguisten noch Autoren sind schräg. Wir befassen uns einfach gern mit Details 😉 Manchmal unwichtigen, winzigen, albernen und/oder banalen Details.
        Zuallererst muss die Story für uns schlüssig sein, erst dann kommt der Leser. Du brauchst für eine schlüssige Story eine neue Sprache, ich muss den Aufbau einer römischen Therme kennen (was keine Rolle im Buch spielen wird). Irgendein Hobby muss man einfach haben 😛

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        1. So kann man es auch sagen <3.
          Stimmt. Ich glaube, der erste Leser ist immer man selbst. (Was bei mir aber der Grund dafür ist, dass meine Geschichten beim Überarbeiten länger werden. Ich weiß ja alles. Meine Leser aber nicht).
          Ungefähr so, ja. Manche Details sind wichtig, damit wir als Autoren glücklich und zufrieden weiterschreiben können :D.
          Und hey, es gibt schlimmere Hobbys 😀

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